Seit dem zweiten Oktober-Sonntag dieses Jahres, als sich die Pankower Machthaber urplötzlich zu einem Währungsschnitt mit bisher ängstlich geheimgehaltenem Ergebnis entschlossen, haben die in Ostberlin ansässigen Staats- und Stadtbehörden in einem vielfältigen Nervenkrieg gegen Westberlin eine Fülle hektischer Kurzschlußhandlungen unternommen. Inzwischen wurde das neue Interzonen-Handelsabkommen für die nächsten zwei Jahre unterzeichnet, und die beiderseitigen Zugeständnisse lassen den Schluß zu, daß der 1949 unmittelbar nach der Berlin-Blockade im Pariser Viermächteabkommen garantierte freie Verkehr zwischen der deutschen Hauptstadt und der Bundesrepublik künftig nicht zuletzt im Interesse der östlichen Seite respektiert wird. In Westberlin verfügt der Senat über Informationen, wonach die sowjetdeutschen Behörden die Absicht hatten, den Verkehr innerhalb der Stadt, vor allem den der auch in Westberlin östlich kontrollierten S-Bahn, mindestens zu erschweren, wenn nicht ganz zu unterbrechen.

Dennoch muß mit aller Deutlichkeit zwischen dem freien Verkehr zwischen Westberlin und dem Bundesgebiet einerseits und dem Verkehr innerhalb der Stadt andererseits unterschieden werden. Sowohl der Bundesbevollmächtigte für Berlin, Dr. Heinrich Vockel, als auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt haben sich veranlaßt gesehen, mehrfach diesen Unterschied zu betonen. Beide sind davon überzeugt, daß die ungestörte Verbindung des freien Teiles der Stadt mit dem freien Westen, auch dem Ausland, mehr denn je gesichert ist. Sie sind zu dieser Oberzeugung nicht zuletzt auf Grund des 1949 vereinbarten unktims zwischen Interzonenhandel und reibungsosem Berlin-Verkehr gekommen.

Die kürzlich beendete 31. Nachkriegs-Hauptmusterung der Berliner Damenoberbekleidungsindustrie, sie sogenannte "Durchreise", hat einer Rekordzahl von auswärtigen und ausländischen Ausstellern und Einkäufern mit überzeugender Klarheit gezeigt, daß nicht nur die Westberliner Wirtschaft besser denn je funktioniert, sondern daß sie auch – selbst in Zeiten kommunistischen Nervenkrieges – ihre Aufträge pünktlich ausführt und den Bestellern auf normalen Wegen zukommen läßt. Wenn einige westdeutsche Auftraggeber gewisse Berichte über die Lage in Berlin zum Anlaß genommen haben, ihre Aufträge zurückzuziehen, so haben sie damit nicht nur den Berliner Auftragsempfängern Schaden zugefügt, sondern auch sich selbst. Denn schneller als die Berliner Wirtschaft, die noch immer über gewisse Reserven verfügt, werden vollbeschäftigte westdeutsche Unternehmen kaum arbeiten können. Und kurze Liefertermine sind wichtig! gns.