London, im November

Ist es nicht ein beruhigendes Gefühl, daß in der Zeit der Sputniks eine als so oberflächlich verschrieene Sache wie Mode hoch im Gespräch ist? Hat nicht das vorzeitige Hinscheiden Christian Diors überall in der Welt mehr und aufrichtigere Nachrufe gezeitigt als der Tod irgendeines Ministers oder allmächtigen Parteisekretärs? Deutsche Kleider haben neuerdings in London einen Eindruck hinterlassen, der der volkstümlichen Vorstellung von der wehrhaften Brünhilde – Taille 80 und Hüfte 100 cm – einen herben Schlag versetzt. Die deutsche Modellkonfektion, die vor dem Krieg auf dem englischen Markt eine bedeutende Rolle spielte, findet wieder Anklang, und nachdem die sechs Mitglieder der Society of Berlin Fashion Houses im Frühjahr und Herbst dieses Jahres im Londoner Dorchester-Hotel mehr als eine Kostprobe ihres Können ablegten, merkt man jetzt, daß schöne Kleider nicht nur in Paris, Rom, London und New York gemacht werden ...

Im Jahre 1957 ist dies keine geringe Leistung, denn während des letzten Jahrzehnts hat sich London mehr und mehr zum internationalen Umschlagplatz für textile und modische Erzeugnisse entwickelt: Moden produzierende Länder trachten ihre Waren in diesem Schaufenster der Welt zur Schau zu stellen, das von der Presse vieler Nationen beachtet wird, die als Vorposten ihrer Heimatländer die Qualitäten der Modeleistungen registriert und abwägt. Deutschland hatte bisher in diesem zivilisatorischen Reigen gefehlt, und dies erklärt vielleicht die Spannung, das Interesse – und auch die Skepsis, mit denen man dem Debüt der deutschen Modeindustrie entgegensah. Sie hat es nicht so leicht gehabt... Lange vor ihr haben französische, italienische, schwedische, holländische, belgische, irländische, österreichische, Schweizer, spanische, amerikanische – und sogar Kleider aus Israel mehr oder weniger erfolgreich ihren Einzug gehalten. In diesem Ringen um modische Anerkennung haben die Deutschen gut abgeschnitten, obwohl die ersten beiden Vorführungen wenig mehr als tastende Versuche waren ...

Der Berliner Couturier Heinz Oestergaard, der dieser Tage seine Frühjahrs- und Sommerkollektion zeigte, hat den Mut gehabt, sich als Einzelner ohne Gruppenrückhalt in diese Arena der Mode zu wagen: er hat die Feuerprobe bestanden ... Die Londoner Zeitungen, einschließlich der Berichte von Männern, die ihren Witz und Sarkasmus in gesellschaftlichen und politischen Veranstaltungen, und nicht zuletzt an den Themen, die die Frau betreffen, auszulassen pflegen, stimmten darin überein, daß in Oestergaards Kleiderschöpfungen sich "Stilgefühl mit Erfindungsgabe" paart...

Zwei Tage lang stand seine Kollektion im Brennpunkt des Interesses, angefacht durch die hochgeschürte Neugier: "Was haben die Deutschen zu bieten?" Denn in der Erwartung des kommenden Gemeinsamen Marktes beginnt man, dem deutschen Textil- und Modeschaffen mehr und mehr Aufmerksamkeit zu schenken: Es ist noch nicht lange her, daß man davon in Großbritannien wenig wußte, Deutschland war in dieser Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt. Das hat sich nun geändert: "Berliner Chic" ist in London gern gesehen ...

Katharina E. Russell