hst., Recklinghausen

Am 23. 6. 1957 gegen 14 Uhr stand der 24jährige Verlagsangestellte Horst Buchholz, nebenamtlich Jugendleiter in der Jungenschaft im Bund winkend an der Autobahnauffahrt Recklinghausen um von einem freundlichen Autofahrer in Richtung Köln mitgenommen zu werden.

Am 23. 11. 1957 gegen 12 Uhr, also fast auf die Stunde genau fünf Monate später, stand er abermals in Recklinghausen – diesmal allerdings nicht vor der Autobahn, sondern vor dem Amtsrichter. Er hatte wegen Verstoßes gegen den Paragraphen 37, Absatz 1, der Straßenverkehrsordnung ("Das Betreten der Bundesautobahnen ist verboten") eine Geldstrafe von 5 Mark (ersatzweise ein Tag Haft) bekommen und dagegen Einspruch erhoben.

Es gehe ihm nicht um die fünf Mark, sagte Buchholz dem Richter, sondern um eine Klärung dessen, was nun richtig sei. Als Jugendleiter sei er für seine Jungen verantwortlich, und er müsse ihnen nun endlich sagen können, was sie auf ihren Ferienfahrten tun dürften oder nicht. Er hatte nämlich schon einmal in der gleichen Sache vor Gericht gestanden, wenn auch nur als Zeuge. Damals war sein Freund Helmut König angeklagt, an der Ausfahrt der Raststätte Herford Autos angehalten zu haben. Der Bonner Amtsrichter sprach ihn am 16. 3. 1957 frei. Begründung: Das Betreten der Bundesautobahnen ist verboten, denn sie ist ein Schnellverkehrsweg für Kraftfahrzeuge. Das Verbot: kann aber sinngemäß nicht für Raststätten, Parkplätze und Tankstellen der Autobahnen gelten.

Das Recklinghauser Amtsgericht war nun der Ansicht, daß laut Bundesfernstraßengesetz vom 6. 8. 1953 auch die Auffahrten zum Schnellstraßensystem gehören. Denselben Standpunkt hatte bereits am 29. 2. 1956 der 1. Strafsenat des Bayrischen Obersten Landesgerichts vertreten. Dort war ein Autofahrer wegen Parkens auf einer Autobahnauffahrt verurteilt worden. Das Anhalten und Parken auf Bundesautobahnen ist verboten. Aber mit Recht fragte Buchholz den Richter nach dem Sinn von Halteverbotsschildern, die an manchen Autobahnauffahrten stehen. Es sei wohl nicht üblich, generelle Verbote noch einmal durch Verkehrsschilder zu bekräftigen. Sonst müßten ja entlang der Autobahn überall Halteverbotsschilder stehen. Auch gäbe es einige Autobahnauffahrten mit einem Verbotsschild: Für Fußgänger Betreten verboten.

Nicht nur die juristische, sondern auch die moralische Seite des Autoanhaltens, im Fachjargon Trampen genannt, ist seit einiger Zeit umstritten. Als zu Beginn der Motorisierung in den dreißiger Jahren freundliche Autofahrer tippelnde Wandervögel gelegentlich ein Stück mitnahmen und müde Wandervögel gelegentlich auch am Straßenrand winkten, da nahm das jedermann gelassen hin. So blieb es viele Jahre, und vor dem zweiten Weltkrieg trampten deutsche Jungen – zuweilen auch Mädchen – durch ganz Europa.

Erst als nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr Jugendliche winkend an den Straßen standen, gab es erregte Diskussionen, in die schließlich sogar die Behörden eingriffen. In einem Erlaß des ehemaligen Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Werner Schütz, heißt es: Das Trampen... ist durch das zudringliche und verkehrswidrige Verhalten einzelner Anhalter zu einem Unwesen geworden, dem alle verantwortlichen Stellen steuern müssen. Zwei Jahre später äußerte sich Georg Fahrbach, 1. Vorsitzender des deutschen Jugendherbergwerks: "Wir möchten unsere Jugend vom ... Anhalteunwesen, in dem wir eine unwürdige und sehr bedenkliche Bettelei sehen, abbringen und fernhalten. Die Diskusion erreichte ihren Höhepunkt, als ein Bericht der deutschen Botschaften Rom behauptete: Das Ansehen der Bundesrepublik in Italien ist durch größteneils mittellos trampende Jugendliche, die bettelnd an den Straßen stehen, schwer geschädigt worden. Auch die Jugendverbände haben sich wiederholt gegen die ""Kilometerfresser" der Trampfahrer gewendet.