Der französische Dichter Paul Valéry – er starb im Juli 1945 im vierundsiebzigsten Lebensjahr – erhielt bei uns das geistige Bürgerrecht vor reichlich drei Jahrzehnten. So lange ist es mittlerweile her, daß Rainer Maria Rilke den ‚grand poète‘ mit seiner kaum ausschöpfbaren Lyrik und Max Rychner ihn mit seiner paradoxtiefsinnigen Prosa in den deutschen Sprachraum hereinholte.

Freilich hat Rilke den Lyriker Valéry, dem seine Gedichte (‚Charmes‘) einen Sitz unter den "Unsterblichen" der Académie Française eintrugen, ganz in eigene – eben Rilkesche – Weise umgesetzt. Was der auf mediterrane Ironie eingeschworene Apolliniker und Skeptiker (Valéry war der Sohn einer Italienerin und eines Südfranzosen) mit der höflich-doppelsinnigen Bemerkung quittierte: Rilke habe seine Verse "in einer Sprache zum Klingen gebracht", die er, Valéry, allerdings nicht spreche.

Im Geist jenes ‚Monsieur Teste‘ war das gesagt, der von sich behaupten durfte, Dummheit sei nicht seine Stärke, und für dessen nun schon klassische Obertragung ins Deutsche sich Max Rychner bereits 1927 den Übersetzerlorbeer verdient hat.

Wenn Valéry freilich auch mehr ist als sein "Herr Teste", so steht es doch dieser literarischen Figur wie kaum einer anderen auf der Stirn geschrieben, daß ihr Schöpfer sich mit ihr identifizierte. Insofern zumindest, als sich dem Monsieur Teste wie seinem Schöpfer Valéry das Leben darbot "als eine vollkommen wirkliche Summe aus Dingen, von denen die einen eitel und die anderen imaginär sind".

Der Meister des Aphorismus, der aus dieser zugespitzten Formulierung spricht, und der von ihm so eigenwillig umschriebene Aspekt unseres Daseins – sie kehren wieder in dem postumen dichterischen Vermächtnis, als das Valéry zwei ebenso hintergründige wie vergnügliche dramatische Fragmente hinterließ:

Paul Valéry: "Mein Faust." Übertragen von Friedhelm Kemp. Insel-Verlag, Wiesbaden; 183 S., 13,50 DM.,

Mit so verschwenderischem szenischem Witz und soviel Sinn für dankbare Rollen sind da Faust, Mephistopheles und auch der Schüler der Goetheschen Tragödie aus ihrer Zeit in die unsere travestiert, daß man die deutschen Theaterleiter nur herzlich bedauern kann, die ihrem Spielplan diese Auffrischung vorenthalten.