Soweit das "sämtlichen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung" Rechnung tragende lohnpolitische Konzept der Gewerkschaften. Die Wirtschaftsredaktion der ZEIT möchte noch einmal darauf hinweisen, wie sehr viel besser diese Gedankengänge in die Landschaft unserer demokratischen Wirtschaftsordnung passen als die These, daß die Einkommensverteilung eine Frage der Macht sei. Hier wird immerhin der Versuch gemacht, die Lohnpolitik an "Sachen" zu orientieren, über die geredet und, selbstverständlich, auch gestritten werden kann. Es ist schwer einzusehen, warum die Lohnpolitiker der Arbeitgeberverbände, die immer wieder eine "Versachlichung" der Auseinandersetzungen fordern, sich nicht dazu entschließen können, in diese Diskussion, in die Diskussion dieser Fakten also, einzusteigen. Natürlich wird die Szenerie damit etwas turbulenter, als wenn nur mit Produktivitätszahlen operiert wird. Aber es ist ja keineswegs so, daß auf diesem Terrain die Verkehrsampeln immer nur auf "Grün" geschaltet sind. Auch nach der geruhsamen Lektüre dieses Manuskripts sind wir nach wie vor der Meinung, daß in der Lohnpolitik Vorsicht geboten ist.

Im theoretischen Ansatz können wir diesen Ausführungen, wenn auch nicht ganz, so doch über weite Strecken folgen. Aber Theorien bekommen ihre Konturen erst dann, wenn sie auf eine konkrete Situation bezogen, also aus ihnen die Konsequenzen gezogen werden. Wenn man die Argumentation dieses Konzepts in die Niederungen der lohnpolitischen Ellbogenkämpfe stellt, dann bleiben als greifbare Fakten und Indizien, die im Rahmen dieser gewerkschaftlichen Sicht drastische Lohnerhöhungen erforderlich zu machen scheinen, eben nur jene "Luxusinvestitionen" und die Außenhandelsüberschüsse. Die "Luxusinvestitionen", wir sagten das schon, haben ihre beklagenswerte Ursache in unserem Steuersystem, das den innerbetrieblichen Aufwand prämiiert. Die Außenhandelsüberschüsse haben ihren Grund darin, daß unsere Handelspartner sich angewöhnt haben, über ihre Verhältnisse zu leben. Es scheint uns wenig Sinn in der Aufforderung zu liegen, daß wir dasselbe nun auch tun sollten. Lohnpolitische Eskapaden dürften heute überhaupt kein geeignetes Mittel meir sein, der Gesamtentwicklung den eigenen Willen aufzuzwingen. Durch ein kräftiges überdimensionales Heraufdrücken der Löhne kann wohl der Expreß der wirtschaftlichen Expansion auf höhere Fahrt (und ins Schleudern) gebracht werden; aber die Weichen werden nicht im Düsseldorfer Gewerkschaftshaus gestellt, sondern von der Notenbank in Frankfurt und den wirtschaftspolitischen Instanzen in Bonn. Der vom DGB-Bundesvorstand so plötzlich in Krankenurlaub geschickte Vorsitzende des DGB-Landesbezirks Bayern, Max Wörner, hat seinen Gewerkschaftskollegen erst vor wenigen Tagen zugerufen, daß es mittlerweile unmöglich geworden sei, das Schicksal des arbeitenden Menschen mit dem Mittel von Lohnkämpfen zu gestalten. Der Kampf um die sozialen Rechte der Arbeiter, so sagte Wönner, sei heute auf die große politische Ebene verlagert worden. Er hatte damit sicher nicht ganz unrecht, und deswegen gehen auch die Arbeiter und Angestellten alle vier Jahre an die Wahlurnen. kr.