W. J. – J., Toronto, im November

Chikago verkauft den Kanadiern fast soviel wie die Bundesrepublik; die amerikanische Stadt Louisville hat größere Exporte nach Kanada als Neuseeland; der New Yorker Stadtteil Brooklyn exportiert mehr in das Dominion als Argentinien, und die Exporte von Norwegen nach Kanada sind etwa so groß wie jene der amerikanischen Stadt Seattle ...

Vorsichtig und geschickt versucht John Diefenbaker, dessen Regierung seit den Juniwahlen in Ottawa an der Macht ist, die amerikanische "Umklammerung", die die kanadische Wirtschaft so sehr überschattet, ein wenig zu lösen. So sind Versuche im Gange, 15 v. H. der Importe von den USA nach England zu steuern – wenn es möglich ist.

Doch trotz des großen Einflusses der amerikanischen Wirtschaft, trotz des Umstandes, daß Kanadier dem Trommelfeuer der amerikanischen Werbung – der besten der Welt! – via Zeitschriften, Fernsehen und Rundfunk ausgesetzt sind, wird die Zahl der europäischen Qualitätsprodukte, die in Kanada einen immer größeren Absatz finden, stets bedeutender. Es gibt bemerkenswerte Beispiele dafür: Der Absatz der Volkswagen etwa ist, mit dem Vorjahr verglichen, um 43 v. H. gestiegen, was einem wöchentlichen Absatz von 440 Autos gleichkommt, ebensoviel wie die Buicks der General Motors Werke. Aber selbst in landwirtschaftlichen Produkten sind die kanadischen Importe aus den USA größer als die Exporte dorthin; ein Umstand, den die Zulieferungen an Frischgemüse und Früchten, auch während des Winters, nur teilweise erklären.

Ministerpräsident Diefenbaker muß an diese Handelsprobleme gedacht haben, wenn er die Worte des kanadischen Friedens-Nobelpreisträgers (und früheren Außenministers) Pearson zitierte: "Die Ära der automatisch guten Beziehungen zwischen Kanada und den USA ist vorüber." Schließlich liefert der amerikanische Nachbar heute nicht weniger als 73 v. H. der kanadischen Importe, nimmt aber bloß 60 v. H. der kanadischen Exporte auf. Gewiß: Kanada ist der beste Kunde der Vereinigten Staaten – und die USA sind der beste Kunde Kanadas, aber auch hier gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden wollen.

John Diefenbakers Heimat ist die "Weizenprovinz" Saskatchewan, und Kanada hat aus den Vorjahren noch einen Überschuß von 700 Mill. Scheffel. Es ist für die Volkswirtschaft des Dominions von größter Bedeutung, im Jahre mindestens 300 Mill. Scheffel Weizen exportieren zu können, und Amerikas "Disposal Programme", das – gelinde gesagt – sehr "großzügig" ist, macht diese Aufgabe immer schwieriger.

Obwohl Kanadas Dollar wertvoller als sein amerikanischer Vetter ist, obwohl sich Kanada seit Jahren einer Hochkonjunktur erfreut, gibt es auch hier wirtschaftliche Belastungen ernster Natur. Und da die Winter-Arbeitslosigkeit Rekordzahlen erreichen mag, ist Prime Minister Diefenbakers Lage nicht sehr günstig ...