Dd, Wiesbaden

Wein ist das durch alkoholische Gärung aus dem Safte der frischen Weintraube hergestellte Getränk. So lautet der erste Paragraph des Weingesetzes aus dem Jahre 1909. Der Küfermeister Valentin Korn aus Geisenheim am Rhein, gegenwärtig beherbergt in der Untersuchungshaftanstalt Wiesbaden, hatte diesen Paragraphen nicht beherzigt.

Obwohl die Wasseruhr im Keller seit – Jahren nicht mehr richtig anzeigte, fiel in Geisenheim allmählich der gewaltige Wasserverbrauch der Kornschen Kellerei auf. Es ist ein sehr sympathischer Zug im Wesen dieses pausbäckigen, immer fröhlichen Geisenheimers, daß er eine feine Zunge für reines Wasser hat; So mutete er seinen alten Kunden niemals Rheinweine zu, die in der städtischen Wasserleitung "gewachsen" waren, sondern er ließ kristallklares Quellwasser aus dem Taunus in großen Tankwagen herbeischaffen.

Wer da glaubt, der bereits zweimal "einschlägig" vorbestrafte Valentin, gegen den die Wiesbadener Staatsanwaltschaft jetzt Anklage wegen schweren Betruges (Paragraph 263 Absatz 4 Strafgesetzbuch, Höchststrafe zehn Jahre Zuchthaus) erhoben hat, sei ein gewöhnlicher Weinpanscher gewesen, verkennt ganz und gar die Fähigkeiten dieses Mannes: er hat nicht nur einfach Wasser mit Rebensaft vermischt, wie es schon die alten Römer taten und wie es selbst die um den rheinischen Weinbau so verdiente Äbtissin Hildegard von Bingen im zwölften Jahrhundert empfahl, um "Stürme im Blut" zu vermeiden; nein, Korn verstand es auch, Wein ohne Zuhilfenahme von Trauben herzustellen.

Das Gemisch aus Quellwasser, Zitronensäure, Pottasche, Glyzerin, Zucker und einigen chemischen Zusätzen, das er als "rheinhessischen Wein" verkaufte, erwies sich nach den bisher bekanntgewordenen Ermittlungsergebnissen als analysenfest, und der Verteidiger Korns wird sicherlich in der Hauptverhandlung erklären, daß die Käufer der drei Millionen Flaschen Kornschen Kunstweines doch keine nennenswerten Beanstandungen geäußert hätten. Übrigens waren die meisten Kornschen Weine nicht auf reiner Wassergrundlage, sondern mit Zusatz von Traubenmost hergestellt. Er verkaufte sie teils als Deutschen Weißwein, teils schlicht als rheinhessischen Wein, teils als Niersteiner Domtal.

Die Bezeichnungen waren freilich nicht so verpflichtend, daß ein Weinkenner etwas anderes als gefällige Konsumweine hinter den Kornschen Erzeugnissen vermuten konnte. Auch ein Zusatz von Zuckerwasser wäre bei einem Wein von so unbestimmter Herkunft durchaus erlaubt gewesen, um – wie es im Weingesetz heißt – einem natürlichen Mangel an Traubenzucker oder einem Übermaß an Säure insoweit abzuhelfen, als es der Beschaffenheit des aus Trauben gleicher Art und Herkunft in guten Jahrgängen ohne Zusatz gewonnenen Erzeugnisse entspricht.

Gegen einen unter diesen Bedingungen "verbesserten" Wein, der allerdings nicht als "naturrein" in den Handel gebracht werden darf, ist nichts einzuwenden. Auch die Angabe von Gemarkung und Lage besagt nichts über die Naturreinheit. Lediglich dort, wo der Winzer oder das Weingut auf dem Flaschenetikett angegeben sind, oder wo man Bezeichnungen, wie naturrein, Spätlese, Auslese, Wachstum oder Originalabfüllung vorfindet, darf es sich nicht um einen "verbesserten" Wein handeln.