Auf dem Gebiet der Flugzeugentwicklung den Propheten zu spielen, ist weit schwieriger als Prophet im eigenen Vaterlande zu sein. Sagte doch noch vor ungefähr einem halben Jahre die Internationale Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen (ICAO) voraus, daß auf dem Gebiet des Flugzeugbaues für zehn Jahre keine Überraschungen mehr zu erwarten seien. Aber schon in diesem Sommer war jene Auffassung überholt.

Die erste Überraschung war, daß ein Großflugzeug der britischen Herstellerfirma Handely Page vom Bombermuster "Victor" die Schallmauer durchbrach und damit die Prophezeiung, daß Überschallzivilflugzeuge erst in zehn Jahren zu erwarten seien, zuschanden "flog". Vor einigen Tagen gab Handley Page bekannt, daß sie nunmehr mindestens drei flugwirbelfreie – sogen. "laminarisierte" – Flugzeuge entwickeln würde, mit einer Geschwindigkeit, die zumindest 85 bis 90 v. H. des Schalls (1 Mach [Schallgeschwindigkeit] = 1200 km/st) entsprechen würde. Mehr noch: eines dieser Muster wird ohne Zwischenlandung von London bis nach Australien fliegen können. Damit, so meinten die Handley-Page-Leute, würden sie den Amerikanern, wie den Boeing-Douglas- oder Lockheed-Werken, die die "konventionellen" Großdüsenflugzeuge bauen, wenn auch nicht gerade den Rang ablaufen, ihnen aber zumindest die Hölle heiß machen ...

Ein anderes Ereignis, womit die ICAO wohl überhaupt nicht gerechnet hat, war der durchschlagende Erfolg der französischen Flugzeugindustrie mit dem Düsen-Mittelstreckentyp "Caravelle", der von der Flugzeugfabrik Sud-Aviation hergestellt wird. Nicht nur die mächtige Air-France, sondern auch die klug disponierende skandinavische SAS bestellten komplette "Caravelle"-Flotten.

Damit haben Düsenverkehrsflugzeuge nicht nur im Mittelstreckenverkehr beachtliche Einbrüche erzielt, sondern es scheint sich auch im Kurzstreckenverkehr eine solche Entwicklung anzubahnen, die eigentlich nicht so schnell zu vermuten gewesen wäre. Daher kündigte jetzt wohl auch die amerikanische Flugzeugfabrik Boeing ein Kurz- und Mittelstrecken-Düsenmuster "Boeing-717" an. Wahrscheinlich werden nunmehr auch die Douglas-Werke mit dem Typ "DC-9" nachziehen. Einerseits zielen zumindest die Pläne von Boeing darauf ab, nicht von den Franzosen und Engländern in den Hintergrund gedrängt zu werden, zum anderen beabsichtigen sie, den Kurzstreckenmarkt so schnell wie möglich für die Düse zu erobern.

Wir sehen also, daß sämtliche Voraussagen über eine ruhige Weiterentwicklung des Luftverkehrs bereits in sich zusammengefallen sind, daß Frankreich sich an die Spitze der Flugzeuge herstellenden Nationen herangearbeitet hat und daß England neuerdings führend auf dem Langstreckenmarkt geworden ist.

Betrüblich für uns Deutsche ist dabei die Erkenntnis, daß unsere eigene Luftfahrtindustrie noch derartig in den Anfängen steckengeblieben und noch so arm ist, daß sie sich zumindest – trotz französischer Aufforderung – nicht am Düsenboom beteiligen kann, was sie bei einer günstigeren wirtschaftlichen Lage durch "Caravelle"-Nachbauten hätte erreichen können. Diese Chance ist heute aber verpaßt, allerdings nicht allein durch die Schuld unseres "Spätestheimkehrers" Luftfahrtindustrie. Vielleicht sollte gerade diese verpaßte Gelegenheit beachtet werden. Lediglich auf dem Turbinenpropellermarkt eventuell in fünf Jahren mit einer Eigenentwicklung auftreten zu können, ist für uns Deutsche bei dem heute gewandelten und sich morgen sicherlich wieder wandelnden Hang des Flugzeugbaues zu noch höheren Geschwindigkeiten nicht allzu ermutigend ... H.-H. Kohlhaus