Von Max Rychner

Als 1911 Wilhelm Dilthey, Professor in Berlin, achtundsiebzigjährig starb, wußten nur wenige Begünstigte, daß ein großer Mann dahingegangen war, der die Erdenrolle eines Philosophen, Kulturhistorikers, Soziologen auf sich genommen hatte. Groß, außer Begabung und Leistung, war an ihm schon die Überlegenheit, mit der er seinen Ruhm außer acht ließ; er war ihm gleichgültig.

Eine große Zahl von Essays ließ er in Zeitschriften erscheinen – und untergehen, ohne sie zu sammeln. Spät erst wurden sie zu Büchern geordnet; deren Herausgeber sind Georg Misch und Herman Nohl, die beide, in Verbindung mit Bernard Groethuysen, auch die Gesammelten Schriften besorgt haben und sich allein dadurch schon, abgesehen von ihren eigenen Leistungen, ein Verdienst erworben haben, das ihnen der öffentliche Geist nicht mit hinreichender Anerkennung vergilt.

Zu seinen Lebzeiten, 1905, hatte Dilthey den Band Das Erlebnis und die Dichtung durch Freunde und Schüler herausbringen lassen, jene vier wunderbaren Essays – in England wären sie sogleich in den klassischen Bestand dieser Gattung, die dort Ansehen genießt, eingereiht worden – über Lessing, Goethe und die dichterische Phantasie, Novalis, Hölderlin, Essays, die in der Literaturforschung eine neue Wendung und Vertiefung bewirkt haben, eine Erweiterung des geschichtlichen Bewußtseinsraumes und eine entdeckende Anschauung der schöpferischen Persönlichkeit in ihren Bezügen zur Epoche.

Wer hatte zu Jahrhundertbeginn eine so weite, subtile, allbezogene Auffassung von der Dichtung, wer sprach so groß von ihr! Ein Dichter hat es denn auch gewußt, einer, der nicht wie die meisten unserer Dichter einem Phantom der Ursprünglichkeit nachjagte, im Wahn, sie dort zu finden, wo die Leere keinen großen Menschen mehr aufweist, einer: Hofmannsthal.

Er hat Dilthey in einem Nachrufe gefeiert: "Nie war die Atmosphäre eines Lebenden verwandter mit der Atmosphäre der Dichtung. Greisenhafter innerer Reichtum, Fülle der Anschauung, Fülle der Verknüpfung. Im Innersten ein wunderbar loderndes Feuer, auf die Welt zu die Gebärde des Liebenden, unsagbar – vergeistigt... Feurig, rein, tiefsinnig, gültig: welch ein Mann!" – Und Ortega hat in Dilthey, nicht in Nietzsche, den größten Denker neuer Zeit erblickt.

Abgedruckt ist ein Teil des Nachrufs in dem Bande