Und die "sittenwidrigen Verführungskünste" der Uniformfabrikänten

Von Heinrich David

Es war einmal... ein Rundschreiben des Bundesverteidigungsministeriums, und darin standen – im Frühling 1957 – diese Sätze: "Der Herr Minister wies erneut darauf hin, daß es im Augenblick nicht auf eine hundertprozentige verwaltungsmäßige Exaktheit, sondern auf die aus politischen Gründen unabdingbar notwendige Einhaltung der Aufstellungstermine ankomme. Er werde jeden Angehörigen des Ministeriums rückhaltlos decken, der im Rahmen seines pflichtgemäßen Ermessens hier einmal gezwungen sei, ein Auge zuzudrücken ..."

Und nun hat die Dritte Große Strafkammer des Koblenzer Landgerichts den 57jährigen Amtsrat Wilhelm Thiede von der Abteilung XI des Verteidigungsministeriums anderthalb Jahre Zeit gegeben, hinter Zuchthausmauern darüber nachzudenken, warum bei ihm kein Auge zugedrückt wurde. Er wird indessen nicht der einzige sein, der sich diese Frage stellt; sechs weitere Bedienstete jener Ministerialabteilung werden sich in den nächsten Wochen vor der gleichen Strafkammer wegen passiver Bestechung zu verantworten haben; 112 Ermittlungsverfahren schweben noch, davon ein Drittel gegen Staatsdiener, zwei Drittel gegen Bundeswehrlieferanten. Neunzehn von den 26 Hauptbelasteten allerdings sind inzwischen aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Oberstaatsanwalt Manteuffel, der Urheber dieser Koblenzer Korruptionsstatistik, sprach von einem "verhältnismäßig mageren Ergebnis" seiner Ermittlungen. Von "orientalischen Zuständen" – so meinte er – könne man angesichts der Tatsache nicht reden, daß von 1248 Angehörigen einer Behörde vorerst nur 41 der Bestechlichkeit bezichtigt werden. Nun ja ...

Von diesen 1248 Beamten und Angestellten haben die meisten ihren Dienst erst wenige Monate vor der Aufdeckung der Bestechungsaffäre angetreten. Wir glauben, daß sie von vorbildlicher Korrektheit sind. Aber wie hätten sie auch nicht korrekt bleiben sollen, da ihnen kaum Zeit zur Verfügung stand, Beziehungen zur Wirtschaft anzuknüpfen? Außerdem muß man fragen, wie viele Beamte denn wirklich für die Bundeswehrlieferanten so interessant waren, daß ein Bestechungsversuch lohnend erschien?

Die bis zur Aufdeckung des Falles Thiede-Metze vergebenen Aufträge der Bundeswehr an ein Dutzend Uniformfabriken umfaßten Werte von 500 000 bis zu zwei Millionen Mark. Rechnet man den Wert der Präsente dagegen, die Firmen den Beamten machten, so muß man sagen, daß sie bis zur Grenze des für sie wirtschaftlich Tragbaren gegangen sind. Mehr Korruption, als tatsächlich in Koblenz zutage gefördert wurde, konnte in diesem Aufbaustadium der Bundeswehr überhaupt nicht erwartet werden ...