Von Gerhard F. Kramer

Mit seinen Reportagen in Presse und Rundfunk aus dem Gerichtsleben unserer Zeit hat Herrmann Mostar sich schon seit geraumer Zeit einen klangvollen Namen nicht nur im breiten Publikum, sondern auch in der interessierten Fachwelt geschaffen. Der Vergleich seiner Arbeiten mit dem Wirken des unvergeßlichen Sling der zwanziger Jahre ist unvermeidlich. Und doch bleibt festzuhalten, daß Mostars Betrachtungsweise nach einer Richtung hin vollständiger und ergiebiger ist als die Kunst des Meisterreporters der Gerichtssäle der Weimarer Zeit.

Während Sling, getreu der individualistischen Grundhaltung seiner Epoche, mit scharfem Intellekt die persönlichen Momente des Falles bis in die letzten Einzelheiten ausleuchtete, vergißt Mostar nicht die erregenden Bezüge des Einzelschicksals zu den geschichtlichen, sozialen und soziologischen Zusammenhängen unseres Zeiterlebens. Von diesem Geiste wird auch seine neueste Sammlung getragen.

Herrmann Mostar:

"Nehmen Sie das Urteil an ..?" Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart. 255 S., 11,80 DM.

Von seinen Arbeiten ist die vorliegende zweifellos die reifste. Bei allem Erbarmen mit der fehlenden Kreatur übersieht der Verfasser nicht den Zwangdes unerbittlichen Gesetzes. Er unterläßt nicht, die Haltung des Gerichts und des Staatsanwalts in ihrer gesetzgebundenen Notwendigkeit, zugleich in ihrem Streben um Gerechtigkeit und Lebensnähe der gefundenen Entscheidung mitzuempfinden. So formt sich oft an Hand nebensächlich erscheinender Bagatellsachen, wo Haß und Streit erbitterter Parteien das Bild der Gerechtigkeit zu verdunkeln drohen, ein getreues Abbild unserer Zeit. Flüchtlingsnot und Wohnungselend auf der einen, behagliches Dahintreiben auf den Wellen der Hochflut des sogenannten Wirtschaftswunders auf der anderen Seite. Daneben wird bei der Schilderung der einzelnen Gerichtsverhandlungen der düstere Schatten der vergangenen Epoche der tausend Jahre fühlbar.

Fast alle der geschilderten Schicksale haben erkennbar tatsächliches Geschehen zur Vorlage. Nur in einigen wenigen Fällen regt sich der Zweifel des Fachmannes, ob sie nicht nach dem Vorbild bekannter Rechtsfälle geformt sind. Das gilt von dem äußerst lebendig geschilderten Lehrbeispiel, daß es eine strafbare Beleidigung sei, wenn man einen Menschen, der eine Zuchthausstrafe verbüßt hat, deswegen mit der beschimpfenden Vokabel "Zuchthäusler" apostrophiert. Der Fall ist vor Jahrzehnten von dem damaligen Reichsgericht in diesem Sinne entschieden worden.