Am letzten Sonntag stand folgende Meldung in der Presse: "In Brüssel tagte der Konsultative Interparlamentarische Rat und beriet den Staatsvertrag zur Einführung einer Wirtschaftsunion der Benelux-Länder." Wie? Einführung einer Wirtschaftsunion in Benelux? Ich erinnerte mich plötzlich an eines meiner ersten journalistischen Erzeugnisse in dieser Zeitung im Jahre 1946, das von dem bevorstehenden Zusammenschluß der drei Länder handelte – vor elf Jahren also. Und ein Griff in die zeitgenössischen Nachschlagewerke lehrt sogar, daß Holland, Belgien und Luxemburg erstmalig im September 1944 beschlossen, einen Weg einzuschlagen, auf dem schließlich die vollständige wirtschaftliche Integration der drei Länder erreicht werden sollte.

1944: damals setzte Hitler noch die Welt in Schrecken, damals kannte die Öffentlichkeit noch nicht einmal das Wort Atombombe. Inzwischen gehört die Vorstellung von Wasserstoffbomben und interkontinentalen Raketen zum Elementarwissen der fortschrittlichen Jugend, kreisen von Menschenhand geschaffene "Himmelskörper" durch das Weltall – aber die wirtschaftliche Integration von elf Millionen Niederländern mit neun Millionen Belgiern und den 300 000 Bürgern Luxemburgs ist noch immer nicht abgeschlossen...

Offenbar ist es sehr viel leichter, den Kosmos zu erobern, als Volkswirtschaften zu integrieren oder auch nur die gemeinsamen Verteidigungsbemühungen des Westens ins Werk zu setzen.

Man kann angesichts der Reise Brentanos nach USA und seinem Eintreten für eine engere, politische Koordination der NATO-Partner nicht umhin, noch einmal das Kommuniqué der NATO-Tagung vom Mai 1956 zu studieren. Damals beauftragten die versammelten Außenminister ein Dreier-Gremium, nämlich Außenminister Pearson (Kanada), Lange (Norwegen) und Martina (Italien), unter Berufung auf § 2 des Atlantik-Pakts, Vorschläge für eine engere politische Integration der Teilnehmerstaaten zu machen. Dieser Ausschuß ist dann mit dem Spitznamen Die Drei Weisen in die Geschichte, vielmehr in die Papierstöße der einschlägigen Archive eingegangen.

Es ist über ein Jahr her, seit man zum letztenmal von den Drei Weisen hörte. Sehr viel stärker dagegen war der Widerhall der Verstöße einzelner Mitgliedstaaten gegen jenes fromme Wunschbild gemeinsam gefaßter politischer Entschlüsse: Englands eigenmächtige Zypern-Politik, die mit der Verbannung von Erzbischof Makarios begann; der englisch-französische Ägypten-Feldzug, von dem die USA nichts wußten, und jetzt schließlich die amerikanisch-englische Waffenlieferung an Tunis, die Frankreich überraschte und so erbitterte, daß Le Monde die traditionelle Entente cordiale als eine entente sans cordialite bezeichnete.

Es ist kaum anzunehmen, daß die Pariser Tagung den von Brentano offenbar skizzierten Plan einer Konsultation aller fünfzehn NATO-Partner vor jedem entscheidenden militärischen oder politischen Schritt aufgreifen wird. Amerika selbst ist sehr darauf bedacht, sich die militärische Entscheidungsfreiheit unter allen Umständen zu erhalten.

Ganz anders ist die Entwicklung im Ostblock gegangen. Dort sind die Eskapaden der De-Stalinisierung, die eine gewisse Zersetzung des sowjetischen Imperiums mit sich gebracht hatten, offenbar wieder. aufgefangen worden. Das große Moskauer Kommunistentreffen der letzten Wochen scheint jedenfalls die Integration aller Kommunisten und den Führungsanspruch der Sowjetunion wieder bestätigt zu haben. Mao Tsetung sagte bei seiner Abschiedsrede in Moskau vor 3000 chinesischen Studenten der dortigen Universität: "Das sozialistische Lager muß einen Kopf haben; und dieser Kopf ist die Sowjetunion. Die kommunistischen Arbeiterparteien müssen auch einen Kopf haben; und dieser Kopf ist die Kommunistische Partei der Sowjetunion." Also: Chruschtschow, der Führer des Weltkommunismus!