G. D., Berlin

In einer Berliner Filmatelier-Werkstatt wird ein neuer Film gemacht, einer mit einem männlichen Star, dessen Name in aller Munde ist, und mit einem 16jährigen Mädchen in der weiblichen Hauptrolle. Dieses Mädchen war bis vor kurzem Näherin in einem Modehaus am Kurfürstendamm. Es hat einen Pferdeschwanz und fuhr bisher jeden Morgen mit der S-Bahn von Lankwitz zum Zoo, mit zwei Paar Stullen und einem Apfel in der Tasche, zu Haus von der Mama an der Wohnungstür verabschiedet. Der Vater ist Werkmeister. Eine Familie wie viele.

Für diesen Film, dessen Thema aus der Welt der Heranwachsenden stammt, suchte. nun ein Mädchen, dem die Unschuld aus den Augen guckt. Nicht die überzeugend dargestellte, die gekonnt gespielte Unschuld, sondern die kindliche Reinheit eines unerfahrenen Mädchens. Die Filmleute veranstalteten in einer Berliner Tageszeitung eine öffentliche Ausschreibung – nach Art der Vergabe von Bauaufträgen: – Gesucht wird eine Jungfrau.

Die Ausschreibung war nicht gerade so formuliert, aber so gemeint. Das Echo darauf entsprach, den Erwartunger.; die Mädchen kamen zuhauf. Man darf dem Produzenten des Films, einem zielbewußten Fachmann, nicht unterstellen, daß er aus Ersparnisgründen für die Hauptrolle eine Unbekannte suchte. Er hatte bereits eine ganze Reihe erprobter Darstellerinnen zu Probeaufnahmen nach Berlin kommen lassen – und alle wieder fortgeschickt. Er hatte eben von der Unschuld und der Mädchenhaftigkeit seiner Hauptdarstellerin sehr klare Vorstellungen.

Unter den vielen Monikas, Helgas und Annemaries, die sich auf das Inserat meldeten, war auch die 16 Jahre alte Barbara aus Berlin-Lankwitz. Sie meldete sich beim Aufnahmeleiter, ließ sich begutachten – und wegschicken, berlinischunkompliziert: Nee, Frolleinchen, hier sind Se uff’n falschen Dampfer...

Aber der Zufall half. Die weggeschickte Näherin Barbara lief auf dem Hof dem Regisseur über den Weg. Der nahm sie gleich wieder mit hinein, um sie als die langgesuchte Hauptdarstellerin zu präsentieren. So etwas gibt es also.

Ich sah Barbara im Atelier nach drei Wochen Drehzeit. Ihr Partner, der Star, brachte sie in das kleine Zimmer, in dem sie ein kleiner Kreis von Menschen erwartete. Als sie uns die Hand gab, machte sie vor jedem einen Knicks. Es kam keine rechte Unterhaltung zustande, denn sie war verschüchtert, hatte feuchte Hände vor Aufregung und zupfte fortwährend ihr Kleid zurecht. Sie himmelte ihren Partner an, und der lächelte ihr kameradschaftlich zu. Als eine Kamera aufklappte, posierte sie nicht, und ihr Gesicht verzog sich nicht zur Grimasse. Sie fuhr nicht hastig mit der Zunge über die Lippen und griff sich nicht ins Haar.