Es ist leicht möglich, daß das, was heute in Algerien geschieht, auf Jahrzehnte hinaus die Beziehungen zwischen Europa und Afrika, zwischen den Weißen und den Nicht-Weißen, bestimmt. Frankreich sollte wissen, daß die Ermahnungen und Einsprüche seiner Alliierten nicht der Lust am Kritisieren entspringen, sondern der ernsten Sorge um die Zukunft der westlichen Gemeinschaft. In der vorigen Woche haben Tunesiens Staatspräsident Bourghiba und Marokkos König Mohamed V. einen Vorschlag zur Vermittlung zwischen den Interessen Algeriens und Frankreichs entworfen. Sie haben klugerweise nicht versucht, ein Programm festzulegen, sondern sich nur bemüht, einen neuen Ansatzpunkt zu finden, indem sie die magische Anziehungskraft des Begriffes Independance ersetzen durch Souveränität. Indem sie also den Algeriern klarmachen, daß sie im Verband Frankreichs bleiben müssen, und den Franzosen, daß Algerien nicht unabhängig, aber souverän werden müsse. Es scheint jedoch, daß Frankreich unseligerweise seinen treuesten (wenn nicht einzigen) Freund in Nordafrika: Bourghiba, vor den Kopf stoßen wird. Pineau jedenfalls hat in New York das Angebot der beiden nordafrikanischen Staatsoberhäupter als "uiannehmbar" bezeichnet. Bourghiba ist einer jener mohammedanischen Politiker, für die bei einerRadikalisierung der Politik kein Platz mehr wäre. Das nötigt ihn, jede Mahnung zur Mäßigung mit einem verbalen Angriff auf Frankreich auszugleichen. Er bewegt sich also auf einem sehr schmalen Grat. Hinzu kommt, daß im Falle eines Abzuges der Franzosen aus Nordafrika die im Kampf radikalisierten algerischen Nationalisten nach dem heutigen Stand der Rüstung automatisch die Herren des ganzen Maghreb wären. In dieser Lage ist es für Bourghiba eine Lebensfrage, Waffen für Tunis zu bekommen. Er würde sie vom Teufel persönlich annehmen. So gesehen hat vielleicht der algirische Maquis weniger Freude an den amerikanischenglischen Waffenlieferungen an Bourghiba, wie man in Paris nur allzu sicher anzunehmen scheint.

Seit drei Tagen warte ich in einer der Berberfestungen zwischen El Mhamid und Hassi Mengoub im marokkanisch-algerischen Grenzgebiet auf die Begegnung mit dem Regionalkommandanten der südalgerischen Rebellen. Endlih, am dritten Abend, ruft mich der Scheik, mein Gastgeber, in den dunkelnden Hof der Kasba – drei Männer in der weiten arabischen Djeballah erwarten mich in einem französischen 6Militärjeep.

Im Verlauf der mehrstündigen Fahrt auf der löcherigen Saharapiste verlor ich vollkommen die Orientierung. Der Jeep fuhr mit abgeblendeten Lichtern. Unter der Djeballah meiner Begleiter zeichneten sich die Umrisse eines Trommelrevolvers und zweier kurzläufiger Maschinenpistolen ab. "Wir haben Glück heute", sagte der knapp 20jährige Chauffeur von tiefdunkler Hautfarbe zu meiner Linken, "die Franzosen haben hier eine 50 km tiefe Todeszone geschaffen, um den Waffenschmuggel von Marokko nach Südalgerien zu unterbinden. Die Flugzeuge bombardieren tagsüber – und auch in hellen Nächten – jedes Fahrzeug in dieser Zone. Es gibt hier, wie Sie sehen, keine Deckung." Und trotzdem funktioniert der Waffenschmuggel von der marokkanischen Küste über den Hohen Atlas und die Westsahara zur vollen Zufriedenheit der Rebellen – wie mir der französische Oberst in Marrakesch noch vor wenigen Tagen erbittert gestanden hatte.

Meine Uhr zeigte Mitternacht, als der Chauffeur neben mir die Lichter aufblendete und im Scheinwerferkegel das hohe Lehmtor eines verlassenen Meharistenpostens (Meharisten sind die Kamelreiter der französischen Truppe) aus dem Sandmeer aufstieg. Zwei Schatten präsentierten beidseits des Tores ihre Waffen. Ich werde unverzüglich zum Kommandanten geführt – einen sympathischen jungen Mann in Khaki-Uniform. "Sie sind also der Schweizer", empfing er mich freundlich, in perfektem Französisch, "ich kenne Stockholm – eine sehr schöne Stadt." Ich nehme seinen guten Willen dankbar zur Kenntnis und erkläre ihm, weshalb ich gekommen bin. Wenige Tage vor der UNO-Debatte möchte ich jene Männer kennenlernen, die seit drei Jahren eine halbe Million französischer Soldaten in Schach halten, die ein politisch ungebildetes Volk von 10 Millionen Menschen in die offene Rebellion gegen einen allmächtigen Kolonialherrn zu führen vermochten und die die IV. Republik an den Rand des finanziellen Ruins trieben.

"Unsere Organisation? Die kann Ihnen am besten Gessous erklären, er ist französischer Offizier, unser ,Bruder‘ Gessous", und der Kommandant zeigte auf eines der Feldbetten, die einzigen Möbelstücke des kahlen Raumes, wo ein bärtiger junger Mann in der Uniform des FLN (Front de la Libération Nationale) saß.

Die algerischen Einheiten der französischen Armee, die in Indochina noch die Elite des Expeditionskorps stellten, gelten heute als unsicher. Soldaten und Offiziere desertieren massenweise. Gessous war Leutnant in der französischen Armee, und als er vor sechs Monaten bei Oran die Front wechselte (das ist die Regel), mußte er als Soldat in der Armee de la Libération seine Karriere wieder unten beginnen. Diese Guerilla-Armee zählt 50 000 Mann. Das Freiwilligenangebot übersteigt diese Zahl bei weitem, was eine scharfe Auswahl erlaubt und eine außergewöhnliche Qualität der Soldaten garantiert. Die Einheiten sind durchsetzt mit "politischen Kommissaren", politisch besonders geschulten Intellektuellen, welche die politisch nationalistische Erziehung der Kämpfenden besorgen und im selben Rang stehen, wie der kommandierende Offizier der Einheit.

Der Meharistenposten, in dem ich den ersten Kontakt mit den Rebellen fand, beherbergte ein Bataillonskommando. Mein junger Gastgeber kommandierte rund 350 Mann und 20 Unteroffiziere und Offiziere (im Rif und in Kabylien sind die Einheiten stärker besetzt als in der Sahara). "Wo ist der nächste französische Posten?" fragte ich ihn. "80 km weiter südlich." 80 km sind für Südalgerien eine lächerlich geringe Distanz, und der Chef verstand daher sogleich meine Überraschung. "Sie staunen? Nein, unsere Stellung ist nicht gefährdet, denn die kleinste Bewegung der französischen Fremdenlegionäre dort unten wird uns gemeldet. Vergessen Sie nicht, die Bevölkerung ist mit uns, und in jedem Busch sitzt ein Mann oder ein Junge als Meldeläufer." Genau dieselbe Bemerkung hatte ich hundertmal aus dem Munde französischer Offiziere vernommen. Das Bataillon vermied die offene Schlacht. "Wir wechseln unsere Position ununterbrochen in dieser Felsöde", erklärte Gessous, "alle Bedürfnisse der Armee werden durch die Bevölkerung der jeweiligen Gegend gedeckt, nur das Wasser ist ein Problem."