Von Paul Hühnerfeld

Ein Kritiker hat es schwer hierzulande: Die Ladenschaft, kleine und große Werke der Künste unter die Lupe zu nehmen und zu beurteilen, wild ihm allzugern als Besserwisserei übelgenommen. Daß Kritisieren ein unproduktives Geschäft sei, ausgeführt meistens – wenn es sich um einen literarischen Kritiker handelt – von einem verhinderten Dichter, ist die landläufige Meinung. "Schlagt ihn tot, den Hund – es ist ein Rezensent", dies klassische Zitat unseres größten Dichters, der, nebenbei sei’s gesagt, mehr als einmal ein irrender Kritiker war, dieses Zitat also spiegelt oft auch heute noch den geistigen Bezirk der Toleranz wider, in dem die Kritik bei uns blühen soll.

Wen wundert’s, daß sie in einem solchen Klima eben nicht blüht? Wen wundert’s, daß Deutschland im Gegensatz zu Frankreich und England in seiner Geistesgeschichte nur zwei Perioden großer Literturkritik gehabt hat?

Die erste war die Periode der Aufklärung, in der die deutsche Kritik – allen voran der große Lessing – Europa beeinflußte. Die zweite setzte kurz vor dem ersten Weltkrieg ein, blühte in den zwanziger Jahren und starb eines gewaltsamen Todes am 30. Januar 1933. An diesem Tage nämlich wurden die meisten dieser Kritiker aus Berlin von einem kleinen schwarzhaarigen, wild gestikulierenden Mann als "jüdische Kritikaster" beschimpft, ausgewiesen, verfolgt.

Seltsam: der kleine Teufel ist längst tot, verbrannt wie einst die Bücher, die er haßte; aber das Wort "Kritikaster", das er – soviel ich weiß – von Wilhelm Busch übernahm, das ist geblieben.

Es soll ein Schimpfwort sein, eben jene Ohnmacht des Schöpferischen im Kritiker soll es andeuten. Wir aber wollen es für diese Rezension, weil denn auch einem Kritiker Emotionen gestattet sein müssen, als eine Auszeichnung verwenden, als die höchste Auszeichnung nämlich, die der Dumme, der fanatisch Beschränkte, einem kritischen Geist angedeihen lassen kann.

So sind denn heute anzuzeigen die Erinnerungen eines der großen "Kritikaster" der zweiten Periode glänzender deutscher Kritik, die Erinnerungen von