Düsseldorf, im November Das Thema hieß "Ist die Demokratie in der Massengesellschaft noch möglich?" Es war die zweite Veranstaltung des Winterhalbjahres 1957/58 in der Diskussionsreihe des Westdeutschen Rundfunks "Umstrittene Sachen". Der kleine Kongreßsaal in Düsseldorf war überfüllt. Etliche Leute mußten wieder nach Hause gehen. Ein guter Auftakt, heißt es doch immer, die Leute seien an derlei Sachen so desinteressiert.

Die Durchführung allerdings war enttäuschend. Winfried Martini, Publizist aus München, hatte die Aufgabe übernommen, zum Thema zu sprechen. Er ließ die große Politik der letzten Jahrzehnte Revue passieren. An Beispielen zeigte er, daß die parlamentarische Demokratie doch eine recht fragwürdige Sache sei. Da war das Beispiel England, daß nach dem Volkswillen vor dem zweiten Weltkrieg ungenügend gerüstet war. Nur Insellage und Kriegstechnik jener Zeit hätten England damals vor einem schlimmen Ende bewahrt. Martini zitierte Walter Lippmann: "Die öffentliche Meinung entwickelt sich langsamer als die Ereignisse."

"Auswirkungen der Demokratie auf die internationale Politik", das war – entgegen dem Thema des Veranstalters – das Thema von Martini. Die Leute waren enttäuscht. Sie wollten ihre Probleme behandelt wissen. Sie wollten über ihre Demokratie diskutieren, in deren Alltag es wahrlich genug Probleme gibt. Daß die Demokratie dem kategorischen "marschier’ oder stirb" der Diktatur im sogenannten Ernstfall technisch unterlegen ist, das wußten sie ohnehin.

Was Winfried Martini zu den Problemen unserer Demokratie zu sagen hatte, war einigermaßen erschreckend. Konziliant anerkannte er zwar die "schwierige Situation des Wählers" und meinte: "Er ist im Grunde ein unpolitischer, vielleicht desinteressierter Mensch, der einfach überfordert ist und irgendwann einmal im Jahr zu irgendeiner Wahl muß." Und: "Im Grunde wirft der Wähler seine privaten Wünsche in die Urne." Für Martini ist alles Emotion: "da eine Sachbeziehung nicht vorhanden ist." Vergebens warteten die Zuhörer auf die Beantwortung der Frage, ob eine Demokratie in der Massengesellschaft noch möglich ist. Am Ende stand bei Martini nur die Frage, ob wir mit unserer Verfahrensweise noch Zeit haben, das Wettrüsten zu gewinnen.

Ko-Referent Professor Theodor Eschenburg ließ in dieser Situation einiges erhoffen. Aber die Leute sahen sich abermals enttäuscht. Der höfliche Theodor Eschenburg verbrachte seine knappe Zeit damit, dem Vorredner zu antworten. Dabei hatte doch jeder erwartet, daß er nun wenigstens die Dinge – und zwar sehr handfest – zurechtrücken würde. Zurechtgerückt wurden lediglich Einzelfragen wie: "Das mit der geringen Sachkenntnis und der Emotion kann man ja schließlich nicht verallgemeinern. Denken Sie an die Schweiz. Mit wie wenig Propaganda und wieviel Sachkenntnis wird dort gewählt..."

Einem Diskussionsredner blieb es überlassen, an Herrn Martini die Kardinalfrage zu richten: "Meinen Sie etwa, man solle die Demokratie abschaffen, weil sie nach Ihrer Meinung das Volk so gefährdet..." Martini zog sich aus der Affäre, indem er Max Weber zitierte: "Denn über den Parteien und der Demokratie steht selbstverständlich die Nation."

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