AM Paris, im November

Der Besuch des britischen Ministerpräsidenten bei seinem französischen Kollegen hat diesem eine unangenehme Überraschung beschert. Man hat in Paris die Teilnahme Englands – des alten Partner am Suez-Abenteuer – an den Waffenlieferungen für Tunesien tragischer genommen, als diejenigen der USA. Doch wer erwartet hatte, daß sich Macmillan für diese Verletzung der Entente cordiale bei Gaillard entschuldigen komme, hatte sich getäuscht.

Der englische Premier betonte, England habe dort einspringen müssen, wo es eigentlich Frankreichs Aufgabe gewesen wäre, jedes Fußfassen fremder Mächtegruppen in Tunesien zu verhindern. Und er ging ungeachtet der gereizten Stimmung, die sich um den Ministerbesuch verbreitet hat, noch weiter. Es ist durchgedrungen, daß der englische Premier mit seiner Sicht des kitzligen Problems der atlantischen Solidarität Frankreichs gegenüber in Sachen Algerien nicht den Beifall seiner Gesprächspartner gefunden hat. Diese Solidarität wird nämlich von Paris etwas eingleisig gesehen. Die französische Diplomatie glaubt offensichtlich, daß Frankreichs Verbündete die gegenwärtig in Algerien praktizierte Politik zu billigen hätten.

Macmillan hat nun anscheinend darauf hingewiesen, daß eine solche Solidarität auch in der umgekehrten Richtung wirksam werden muß: Frankreichs Verbündete müßten dann eben auch ein Mitspracherecht in diesem Konflikt haben, der nach Meinung der Verbündeten mehr und mehr die westliche Politik am Mittelmeer zu behindern beginnt. Diese sachte, aber doch nachdrückliche Verstärkung des moralischen Druckes auf Frankreich fällt nicht zufällig mit dem Vermittlungsvorschlag von Bourghiba und Mohammed V. zusammen, der in Washington und London in wesentlich positiverem Lichte gesehen wird als in Paris (wo sich übrigens Ministerpräsident Gaillard im Gegensatz zu seinem in New York weilenden Außenminister noch nicht auf eine hundertprozentige Ablehnung des Vermittlungsangebotes festgelegt hat). Das ist bedeutsam in einer Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, daß Frankreich in Kürze seine atlantischen Partner um Kredite angehen muß.

Das einzige, was die Stellung der französischen Regierung im Augenblick stärkt, ist groteskerweise der Straßburger Angriff von Mendès-France auf die offizielle Algerien-Politik. Dieser Vorstoß des "schwarzen Mannes" läßt die so heterogene Mehrheit Gaillards sich wieder etwas fester um ihren Ministerpräsidenten scharen. Das aber hat Gaillard bitter nötig.

Von der noch wieder verwässerteren zweiten Fassung des "Rahmengesetzes" für Algerien, das er diese Woche in der Kammer durchzubringen sucht, kann Gaillard nämlich kaum eine wesentliche Entlastung seines Außenministers bei der bevorstehenden UNO-Debatte über Algerien erwarten.