Wo das Schweigen noch immer viel besagt – Im Orientexpreß durch Jugoslawien

Von Ruth Hermann

Früh um sieben Uhr vierzig jeden Dienstag, Freitag und Sonntag verläßt der Simplon-Orient-Expreß Thessaloniki. Anderthalb Stunden später erreicht er bei Idomeni die griechische Grenze. Mäßig geschwind, weil es sich nicht lohnt, richtig in Fahrt zu kommen, rollt er um neun Uhr vierzig von dort weiter und gelangt – nach fünf Minuten – um acht Uhr fünfundvierzig in Gevgelija an, der ersten Station in Jugoslawien. Mit der griechisch-jugoslawischen Grenze haben wir gleichzeitig die Zeitgrenze passiert. Hier geht die Sonne später auf. Die Uhren sind eine Stunde zurück. Der Westen hat uns wieder – jedenfalls im geographischen Sinne.

Der Zug zieht die Räder ein

Auf dem Grenzbahnhof scheint der internationale Expreß zu vergessen, wer er ist und wie er heißt. Es ist, als hätte er seine Räder eingezogen. Er will offensichtlich Baracke werden. Wie leblos liegt er da. Der Bahnsteig ist leer. Es wird weder aus- noch eingestiegen. Die Reisenden bleiben im Zug und warten auf die Paß- und Zollbeamten. Wir haben Zeit, viel Zeit...

Ich gehe auf den Gang hinaus; andere Fenster, andere Aussichten. Ich sehe in einer Art Pferch neben dem kleinen Stationsgebäude eine Menge Menschen, Leute aus Gevgelija, die anscheinend nur gekommen sind, den Expreß zu sehen, dies dreimal wöchentlich erscheinende Ereignis. Die Männer haben flache Schirmmützen auf; Frauen und kleine Mädchen tragen weiße Kopftücher. Sie sind darin eingebündelt wie in Bandagen. Sie stehen da, dicht gedrängt und schweigen.

Die Pässe sind eingesammelt worden, die gelbliche Pappkarte mit dem Durchreisevisum abgegeben. Die Reisenden haben zwei Formulare ausgefüllt: "Welche Gegenstände führen Sie außer den Dingen mit sich, die zu Ihrer persönlichen Garderobe gehören?..." "Wieviel ausländische und inländische Zahlungsmittel haben Sie bei sich?"