Von Friedrich Lemmer

Auch in einer in stetigem allgemeinen Aufstieg befindlichen Volkswirtschaft gibt es Zweige, in denen besondere Umstände die Unternehmen über Jahre in schlechten ökonomischen Verhältnissen verharren lassen, und wo der Konkurrenzkampf sich so verschärft, daß der Ertrag auch der gesunden Unternehmen die Verlustgrenze nur wenig übersteigt und die Branche nach Staatshilfe ruft. In den letzten Jahren hat die Krise in der Getreidemüllerei die Regierung und das Parlament stark beschäftigt. Auf analoge Probleme haben der Waggonbau und auch die Fischwirtschaft verwiesen. Eine den Verhältnissen imMühlengewerbe ähnliche Lage besteht schließlich seit geraumer Zeit in der Sägeindustrie.

In wenigen Wochen wird im Mühlengewerbe mit einem „organischen Kapazitätsabbau zur Behebung der Krise begonnen werden. Aus dieser Aktion wird man viel lernen können. Die wirtschaftliche Lage der Mühlenindustrie ist schlecht. Dies zeigt sich im Ertrag und an den Bilanzen der wenigen Aktiengesellschaften dieser Branche; es zeigt sich in den Zahlungs- und Kreditbeziehungen der Banken und des Landhandels zum Mühlengewerbe. Auch in anderen Ländern ist die Lage der Müllerei nicht besser. In den USA gilt ein Gewinn von ein bis zwei v. H. schon als ganz gut. Charakteristisch ist die schlechte Ertragslage der gesamten Branche, in der es kaum Ausnahmen gibt. Sie wird auf die große Überkapazität und auf den ungewöhnlich harten Wettbewerb im Absatz zurückgeführt.

Diese Übersetzung im Mühlengewerbe begann schon nach dem Krieg 1870/71 mit dem Entstehen der Großmühlen an der Küste und am Rhein, die den „Binnenmühlen“ zunehmend Konkurrenz machten. Verschiedentlich – aber erfolglos – bemühte man sich in der Folgezeit um Abhilfe. Unter dem NS-Regime erfolgte ein Zwangszusammenschluß der Betriebe mit einer Kontingentierung der Vermahlungsmenge. Dieses System bestand bis 1950. Mit seinem Wegfall und der Be-Beseitigung erheblicher Kriegsschäden (gerade bei den am Wasser gelegenen Großmühlen) durch moderne Großanlagen verschärfte sich die Konkurrenz. Der Rückgang des Brotverzehrs macht es unwahrscheinlich, daß der Bedarf in diese Überkapazität hineinwachsen kann. In der Bundesrepublik gibt es über 14 000 Mühlen. Der Mehlmarkt wird in der Hauptsache von etwa 700 bis 800 Mühlen versorgt. Die gute Hälfte des notwendigen Brotgetreides von rund fünf Mill. t im Jahr wird von nur etwa 100 Mühlen vermählen. Die Mehlkapazität aller Anlagen ist beinahe doppelt so groß wie notwendig wäre. Der scharfe Wettbewerb im Absatz ist dadurch bedingt, daß die Anlagekosten sehr hoch, aber die Betriebskosten niedrig sind, womit die Mühlen auf den kontinuierlichen 24stündigen Betrieb angewiesen sind. Die möglichst vollständige Ausnutzung der Kapazität verführt immer wieder zum Kampf um einen höheren Marktanteil.

Allein vom Wettbewerb aus, vom Ausscheiden durch den Konkurs, ist eine Beseitigung der Übersetzung und der ungenügenden Wirtschaftlichkeit der Branche nicht zu erwarten. Denn die Inhaber der großen Zahl von Klein- und Kleinstmühlen verfügen oft noch über andere Einkünfte, z. B. aus Landwirtschaft und Handel; sie geben ihre Mühle auch dann nicht auf, wenn sie nur einen geringen oder keinen Ertrag bringt. Immer wieder hat sich ferner im In- und Ausland gezeigt, daß, wenn einmal ein Besitzer seine Mühle aufgeben muß, sich dann meist ein neuer findet, der, bei dem niedrigen Kaufpreis, im Weiterbetrieb zurechtkommt. Schließlich würde die Fortdauer des überscharfen Wettbewerbs zu einer Konzentration der Vermahlung auf eine kleine Zahl von Großbetrieben führen, was, auch abgesehen von Mittelstandsproblemen, nicht erwünscht wäre, nachdem sich die Bedeutung einer ausreichenden regionalen Streuung dieser Betriebe für die Versorgung im letzten Krieg deutlich erwiesen hat.

Für eine kapitalintensive Industrie mit starker Überkapazität und bei rückläufigem Absatz gibt es nur einen Weg: die Überschußkapazität systematisch stillzulegen. Diesen Weg will unser Mühlengewerbe gehen; der Staat gibt zur Entschädigung für freiwillig stillgelegte Kapazitäten einen Vorschuß von 50 Mill. DM, der nach wirtschaftlicher Fundierung der Branche zurückgezahlt werden soll. Die Aktion wird anlaufen, wenn der Bundesrat am Freitag dieser Woche die Durchführungsbestimmungen zum Mühlengesetz gutheißt. Sie soll bis Mitte nächsten Jahres beendet sein.

Man kann sehr gespannt darauf sein, ob eine Stillegung von 6000 bis 7000 t Tagesvermahlung, zusammen mit dem Errichtungs- und Erweiterungsverbot, dem Wettbewerb die allzugroße Härte nehmen wird. Die genehmigten Kartellpreise – als Überbrückung bis zur Bereinigung der Kapazitäten gedacht – reichten nicht aus, so daß der Bund seit Jahresbeginn den Mühlen einen „Kostenzuschuß“ von etwa 1,12 DM je Tonne Mehl geben mußte, um eine Erhöhung des Mehlkartellpreises zu vermeiden. Auch damit wurde keine Besserung erzielt. Denn seit Frühjahr ließen die Kleiepreise im In- und Ausland so stark nach, daß diese Erlösminderung fast die Aufbesserung aus dem Zuschuß aufzehrte. Über die Gründe des Preisverfalls für Kleie ist man sich in Fachkreisen nicht klar. Aber weil die Mühlen glauben, auf eine Besserung nicht rechnen zu können, steht jetzt eine kräftige Erhöhung des Kostenzuschusses (oder, zur Beseitigung solcher Bundeshilfe, eine Erhöhung des Mehlkartellpreises) zur Erörterung. So sehr der überscharfe Wettbewerb von der Überkapazität her bedingt wird, so ist er doch für die derzeitige Lage des Mühlengewerbes nur einer der bestimmenden Faktoren. Um so bemerkenswerter wird sein, wie weit die Stillegungsaktion eine Entspannung und Erleichterung bringen kann.