Der Monatsultimo dürfte sich angesichts des flüssigen Geldmarktes ebenso leicht überwinden lassen wie der Steuertermin am 10. Dezember. An der Börse setzte sich ziemlich einheitlich die Meinung durch, daß von dieser Seite her kaum Schwierigkeiten zu erwarten sind, wie man überhaupt für die nächsten Wochen recht optimistisch ist. Das ist allerdings weniger auf Vorschußlorbeeren zurückzuführen, die den Kapitalmarktreformern gelten, sondern vielmehr auf rein markttechnische Überlegungen. Erfahrungsgemäß ist die Anlagetätigkeit der Bankenkundschaft zum Jahresende besonders lebhaft, weil Gewinne aus dem Weihnachtsgeschäft, Gratifikationen, Tantiemen usw. unterzubringen sind; außerdem werden Vor kaufe auf den großen Zinstermin am 1. Januar vorgenommen, der Milliardenbeträge freisetzt, von denen ein erheblicher Teil sofort wieder angelegt werden wird. Nach der Wende in der Geldmarktpolitik in New York erwartet man von der Auslandskundschaft keine wesentlichen Verkäufe mehr. Der Abfluß des aus währungsspekulativen Gründen in die Bundesrepublik eingeflossenen Kapitals wirkt sich auf die Börsen kaum noch aus.

Die mit der Kapitalmarktreform zusammenhängenden Fragen – wie Abbau der Doppelbesteuerung, Abschaffen der Kapitalertragsteuer und Steuerfreiheit bei der Ausgabe von Gratisaktien – werden vorläufig in den Börsensälen noch recht spekulativ gesehen. Prof. Erhard meint, daß noch ein halbes Jahr vergehen wird, bis Klarheit über die Finanz- und Steuerreform herrscht. Wer will optimistischer sein als der Bundeswirtschaftsminister? Immerhin muß man sich darauf gefaßt machen, daß die Dividendenentscheidungen für 1957 noch in Unkenntnis der neuen Gesetze gefällt werden müssen. Das ist bedauerlich, denn die Widerstände vieler Gesellschaften gegen höhere Dividenden sind nach Feststellungen der Banken gewachsen, wobei auch konjunkturelle Befürchtungen eine Rolle zu spielen scheinen. Eine frühzeitige Milderung der Doppelbesteuerung könnte die Dividenden für 1957 natürlich noch positiv beeinflussen

Das wird jedoch für weniger wahrscheinlich gehalten, als das Vorziehen gewisser Erleichterungen bei der Ausgabe von Gratisaktien. In den Papieren, die dafür in Frage kommen, legt sich die Börsenspekulation jetzt mächtig ins Zeug. Favoriten sind die Kaliwerte, bei denen Kali-Chemie (sehr enger Markt) von 234 auf 250 anzogen. Wintershall stiegen auf 255 (250) und Salzdetfurth auf 232 (227). AG für Verkehr machten einen Sprung von 223 auf 248 v. H. In diesem Papier finden fordern Aufkäufe statt, die offensichtlich von einer interessierten Bank vorgenommen werden. Deutsche Werft gewannen in der zurückliegenden Woche zehn Punkte. Die Verwaltung hat schon seit langem die Ausgabe von Gratisaktien angekündigt, falls ein solcher Akt steuerfrei geschehen kann.

In den Hauptwerten war die Kursentwicklung ziemlich stetig. Am IG-Farben-Markt wurden Bayer wegen der bevorstehenden Kapitalerhöhung (Anfang nächsten Jahres) bevorzugt. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Börsenverfassung dürfte das Unterbringen der jungen Aktien nicht schwerfallen. Bayer hat nicht immer ein ähnlich günstiges Emissionsklima vorgefunden wie augenblicklich. Bei Daimler halten die Aufkäufe an, wobei unklar blieb, welche Interessentengruppe für den weiteren Kursanstieg auf 413 (410) verantwortlich zu machen ist. Allerdings wäre auch bei Daimler die Ausgabe von Freiaktien denkbar. Von den Spezialwerten lagen Maihak, eine Gesellschaft der feinmechanischen Industrie mit 290 (281) sehr fest. Das Unternehmen schüttete für 1956 bereits 12 v. H. Dividende aus Außerdem ist ein beträchtlicher Gewinnvortrag vorhanden. Sonderbewegungen gab es bei Dynamit Nobel (400 – 415), wo weitere Aufkäufe stattfinden, und bei der Metallgesellschaft, die mit 458 (450) einen Spitzenstand erreichten, der sich nur noch als Liebhaberpreis bezeichnen läßt. Textil- und Zellstoff werte lagen einheitlich erholt So stiegen Phrix auf 115 1/2 (106 1/2), eine Bewegung, die sofort den Verdacht auf Wiederaufnahme der Mehrheitskäufe wachrief. Feldmühle kamen auf 336 (333 1/2), Zellstoff Waldhof auf 117 1/4 (115 1/2) und Ver. Glanzstoff auf 194 1/2 (192) v.H. Die nun auch offiziell erfolgte Ankündigung, für 1956/57 (30. 6.) die Dividende von sieben auf acht v. H. erhöhen zu wollen, hatte auf den Bekula-Kurs keine Auswirkung. Noch immer scheint ein aus dem Ausland stammendes und zum Verkauf stehendes Paket auf den Kurs zu drücken.

Am Rentenmarkt finden die 7 1/2prozentigen Anleihen flotte Unterbringung. Der Markt wird allerdings durch die sogenannten Bonifikationsgeschäfte beunruhigt. Da steigende Kurse in diesen; Papieren sicher sind, werden größere Posten oftmals nur übernommen, um die gewährte Bonifikation einzustecken, und später, wenn es der Kurs zuläßt, weiter verkauft. Diese Methode beeinträchtigt eine gute Placierung und bildet für den Markt dieser Papiere dann eine Gefahr, wenn die Tendenz einmal ihre jetzige Festigkeit verlieren sollte. – ndt