g. sp., Hamburg

Seltsame Dinge geschehen in einem Hamburger Bürohaus. Das Zimmer des Chefs ist neu tapeziert worden, doch die Tapeten werden wieder algerissen, weil sie dem Chef nicht gefallen. Das wiederholt sich zweimal. Dann beschließt der Chef, seinen Raum täfeln zu lassen. Aber durch die Täfelung erscheint der Raum zu eng. Was liegt nun näher, als eine Wand zu durchbrechen? Doch auch diese Lösung befriedigt den Chef nicht. So befiehl er, sein Zimmer ein Stockwerk tiefer einzurichten.

Mit den übrigen Büroräumen geht es nicht viel anders. Neun Monate lang wird geklebt und wieder abgekratzt, zugemauert und wieder aufgebrochen.

Aber ist denn nicht ein Geschäftsmann König in seinem Haus? Darf ihm irgend jemand Vorschriftei darüber machen, was er mit seinem ehrlich verdienten Geld anzustellen hat?

Gewiß nicht. Nun ist der Chef, von dem hier die Rede war, Leiter der Landesgeschäftsstelle Hamburg des Nordwest-Lotto, einer staatlichen Einrichtung also, als deren Lizenzträger die Hamburgische Landesbank auftritt. Ihm stehen monatlich rund 200 000 Mark als Verwaltungskosten zur Verfügung, von denen er etwa 85 000 Mark für "Anschaffungen" verwenden kann. Es scheint, daß dieser Geschäftsleiter den Begriff "Anschaffung" doch ein wenig zu weit auslegt. Hier werden nämlich überschüssige Gelder, die sich aus den Groschen aller derer zusammensetzen, die vom großen Glück träumen, nutzlos vertan, anstatt dem Sozialfond des Lottos zugeführt zu werden (wie es die Vorschrift will).

Jedoch ist dieses nur ein Schlaglicht auf eine Organisation, die allein in Hamburg wöchentlich fast eine Million Mark umsetzt. Durch die rund 1000 Annahmestellen des Hamburger Lottos geht seit kurzem eine Welle der Empörung. Die Geschäftsleitung des Hamburger Lottos will nämlich die Annahmestellen zwingen, eine Zeitung zu verkaufen, die beim Publikum keine Gegenliebe findet. In einem Rundschreiben werden die Annahmestellen aufgefordert, jede Woche eine bestimmte Anzahl von Exemplaren der in einem Privatverlag herauskommenden Zeitung Das Glück abzunehmen. Wörtlich heißt es: "Sie sollten den Vertrieb der Lottozeitung so ansehen, daß, selbst wenn der Zeitungsvertrieb Ihnen keinen direkten Nutzen bringt, die Bemühungen hierfür Ihren bescheidenen Anteil an der Werbung für das Nordwest-Lotto darstellen ..."

Durch diese Zwangsauflage wird das Risiko vom Verlag auf die Lottostellen abgewälzt. Dieser groteske Zustand führt dazu, daß einige Inhaber solcher Annahmestellen aus Angst vor einer Kündigung die Zeitung, die sich nicht verkaufen läßt, einfach Verschenken. Wer gibt, fragt man sich, einer staatlichen Organisation das Recht, einen Privat-Verlag auf diese Weise zu unterstützen?