B. S., London, Ende November

Der englische Verteidigungsminister Duncan Sandys hat kürzlich die Errichtung des neuen Nahost-Hauptquartiers in Aden angekündigt. Diese Mitteilung macht den Wandel der britischen Nahost-Verpflichtungen deutlich, aber auch die vollkommene Veränderung der militärischen Gesichtspunkte.

Nach dem anglo-ägyptischen Abkommen von 1954 und bis zum Suez-Krieg sah die militärische Position Englands in Nahost in groben Umrissen etwa so aus: In der Suez-Kanalzone hielten englische Ziviltechniker eine strategische Basis, in die im Kriegsfalle britische Truppen das Recht hatten einzurücken. Mit Jordanien und Libyen bestanden zweiseitige Verträge über Flugzeugstützpunkte und die Stationierung britischer Landstreitkräfte. Auf Grund des Bagdad-Paktes durfte die britische Luftwaffe Flugplätze im Irak benutzen. örtliche Garnisonen, Flugplätze und leichte Seestreitkräfte waren ferner in den kleinen Fürstentümern am Persischen Golf, in Aden und den südarabischen Protektoraten verteilt. Mittelpunkt dieses ganzen Systems war das britische Nahost-Hauptquartier auf Zypern.

Die Verpflichtungen, denen dieses System zu dienen hatte, waren 1) der Bagdad-Pakt, 2) die Sicherung der türkischen Flanke der NATO, 3) die Verträge mit Jordanien und Libyen, 4) die Garantie des arabisch-israelischen Waffenstillstandes gemäß der Dreimächte-Erklärung, sowie 5) örtliche Verpflichtungen auf Grund von Protektoratsverträgen am Persischen Golf und in Südarabien.

Dieses Netz von Verpflichtungen und Stützpunkten, das – in Jordanien und Zypern – bereits unter dem ständigen Druck des arabischen Nationalismus stand, wurde durch das Suez-Fiasko vollends zerrissen. Dem Verlust der Basis am Suez-Kanal, die das eigentliche Herzstück dieses Systems war, folgten der Rückzug der britischen Truppen aus Jordanien und die Aufgabe der dortigen Flugstützpunkte. Der Verlust dieser Stützpunkte und die Feindschaft Syriens beeinträchtigten naturgemäß die Luftverbindungen zwischen Zypern, dem Irak und dem Persischen Golf. Das Suez-Unternehmen selbst hatte überdies bereits die Untauglichkeit Zyperns als Operationsbasis für Landstreitkräfte deutlich werden lassen und die Unsinnigkeit der Dreimächte-Erklärung über die arabisch-israelischen Grenzen offenbart. Die Aufgaben jener Dreimächte-Erklärung sind inzwischen zum großen Teil übernommen worden durch die UNO-Truppen und den amerikanischen Einfluß in Jordanien und Israel.

Zwar bestehen noch die britischen Verpflichtungen auf Grund des Bagdad-Paktes, aber die Hauptzentren des nahöstlichen britischen Interesses haben sich von der Levante und Ägypten fort ostwärts an die Ränder der arabischen Halbinsel verschoben. Zypern kommt unter diesen Umständen nicht mehr als Hauptquartier für mögliche militärische Operationen zur Sicherung der britischen Interessen in Frage. Der letzte Beweis für diese Erkenntnis wurde mit dem Feldzug in Oman erbracht – damals lag das eigentliche Hauptquartier in Aden. Zypern war nicht nur zu weit entfernt, es ist auch deshalb von beschränktem Nutzen, weil Syrien und Ägypten sich geweigert haben, der britischen Luftwaffe das Überfliegen ihres Gebietes zu gestatten. Diese "Luftsperre" würde sicherlich wirksam werden, wenn britische Streitkräfte auf arabischem Territorium – wie etwa in Oman – in Aktion träten.

Der begrenzte Wert Zyperns und der Fortfall der Suez-Kanal-Zone zwangen nun dazu, einen Ersatz für jene Stützpunkte und Nachschublager im Rahmen der Commonwealth-Verteidigung zu suchen. Da der Suezkanal unter ägyptischer Kontrolle steht, mußte ein solcher Platz vorzugsweise ostwärts von Suez liegen. Daher die Entscheidung, das neue Nahost-Hauptquartier in Aden zu errichten – mit Truppenreserven und Basen im ostafrikanischen Kenya. Die militärische Hauptbedeutung Zyperns wird zukünftig in der strategischen Unterstützung des Bagdad-Paktes als Luft- und Raketenbasis bestehen – also gewissermaßen ein britisches Äquivalent zur 6. US-Flotte sein.