Die größte literarische Auszeichnung der Welt ist nach wie vor der Preis, den seit 1901 jährlich die Stockholmer Nobel-Stiftung vergibt. Das Testament von Alfred Nobel beschränkt den Kreis der Preiswürdigen auf diejenigen, die "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geleistet" haben. Das ist eine die Preisrichter bindende Formel, die heute nur bei weitherziger Auslegung auf die Weltliteratur anwendbar ist. Als 1955 Halldor Kiljan Laxness nach achtjähriger Kandidatur Nobelpreisträger wurde, erhielt er die Auszeichnung "für seine malerische Epik, welche die große isländische Erzählkunst erneuert hat".

Anders als bei Knut Hamsun, der (1920) den Nobelpreis allein für seinen ("idealistischen") Roman ‚Markens Gede‘ ("Segen der Erde"), oder bei Thomas Mann, der (1929) den Preis "hauptsächlich" für seine "Buddenbrooks" bekam, wurde also bei Laxness das gesamte literarische Werk prämiiert. Aber in der Begründung, die das Nobel-Komitee gab, ist mit keiner Silbe das Besondere seiner Romane erwähnt: ihre Verankerung im Sozialpolitischen, in der Gesellschaftskritik, im Zuständlichen.

Dieser fünfundfünfzigjährige Halldor Gudjonsson, der sich – nach dem Hof seiner Geburt nordöstlich Reykjavik – seit seiner ersten Veröffentlichung Laxness nennt und der dem heiligen Kilian, als geistlichem Schutzpatron aus den Wanderjahren, den zweiten Vornamen verdankt, ist bei uns von der nationalsozialistischen Kulturpropaganda stets ausgeklammert worden. Sehr im Gegensatz zu dem dreizehn Jahre älteren Gunnar Gunnarsson, der in Deutschland eine übermäßige Förderung erfuhr und von dessen traditioneller isländischer Erzählart sich die Epik von Laxness scharf abhebt. So gewiß einem Gunnarsson das Nobelpreisträger-Format abgeht, so gewiß besitzt es Laxness. Das erweist sich, wenn man beide mit dem polnischen Nobelpreisträger Wladyslaw Reymont vergleicht. Den Rang von Reymonts Epos "Die Bauern" erreichte Laxness bereits 1932. Und zwar mit einem Island-Roman, der ihn weltberühmt machte und der in Schweden verfilmt wurde, aber erst jetzt die westdeutschen Leser erfreut:

Halldor Laxness: "Salka Valka", Roman. Aus dem Isländischen von Ernst Harthern. Rowohlt Verlag, Hamburg. 495 S., 15,80 DM.

Wer die packende, pralle, unkonventionelle, seiner Heimat während der Kolonisation durch die Dänen gewidmete Romantrilogie "Islandglocke" kennt, mit der Laxness vor sechs Jahren bei uns eingeführt wurde, wer seine gleichfalls eingedeutschten Romane "Weltlicht" und "Atomstation" gelesen hat, findet in "Salka Valka" manches Vertraute wieder. Wem der Dichter fremd ist, dem erschließt sich in "Salka Valka" nicht minder deutlich jene bewegte "Lehrzeit", die Laxness teils in einem luxemburgischen Benediktinerkloster, teils in Amerika verbracht hat.

Seine Hinwendung zum katholischen Glauben und seine Abkehr davon – und andererseits seine kritische Auseinandersetzung mit dem ‚American way of life‘ – diese beiden Grunderfahrungen von Laxness haben ihren Niederschlag in Büchern hinterlassen, die wir noch nicht kennen. Aber "draußen", gleichermaßen in West und Ost, sind sie in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet. Die wesentlichen Komponenten der "Doppelnatur", als die der isländische Nobelpreisträger sich selber: empfindet, kommen in "Salka Valka" noch "im Zustand des Werdens" zum Vorschein. Das verleiht dem Buch eine ein malige, hinreißende Frische,

Salvör Valgerdur heißt sie eigentlich, die vaterlos aufgewachsene Salka Valka, die im Alter von elf Jahren mit ihrer mittellosen Mutter Sigurlina in dem elenden Fischerdorf Oseyri am Axlarfjord landet, dort alle Demütigungen der Armut erduldet und lange vor der Liebe den Tod kennenlernt. Der in Wahrheit auf Salka versessene, brutale Liebhaber ihrer Mutter treibt sie dazu, sich ins Meer zu stürzen. Im Bann von Islands herber, karger Landschaft vollzieht sich etwas Wunderbares: die bespottete, verunglimpfte, geschundene Waise erwirbt die Stärke, niemals sich preiszugeben, nie ihr Wesen zu verleugnen.