Von Waldemar Ringleb

Die an Gedanken sicherlich nicht arme Finanzbürokratie findet immer wieder neue Wege, wie (entgegen allen guten Grundsätzen) die Notenbank für die Finanzierung von Staatsausgaben nutzbar zu machen sei. Daß damit dem neuen Notenbankpräsidenten, von dem wir eine den auf uns zukommenden Aufgaben angemessene Dynamik erwarten, von Anfang an Fesseln angelegt werden, ist bisher offenbar niemand aufgegangen. Er muß nämlich die leiden Seiten der Bilanz der Bundesbank im Auge behalten, was vielfach von denen, die heute als Außenstehende von Währungspolitik sprechen, nicht geschieht.

Es ist leider eine landläufige Übung geworden, allein das Geldvolumen zu betrachten. Dabei besteht offenbar in weiten Kreisen die etwas primitive Vorstellung, es sei im Grunde gänzlich gleichgültig, wie das Geld gedeckt ist und welche Gegenwerte auf der anderen Seite der Bilanz stehen – ob dies Gold, Forderungen an das Ausland, Handelswechsel, kurz- oder langfristige Schuldtitel der öffentlichen Hand sind. Diese Vorstellung hat, wie dies meist bei weitverbreiteten Irrtümern der Fall ist, einen berechtigten Kern. Lebten wir in einem geschlossenen Handelsstaat, in dem sich nichts ändert, dann könnte sich der Staat damit begnügen, einmal eine bestimmte Menge Geld zu drucken und in den Verkehr zu bringen. Eine Bank brauchten wir hierzu nicht. Aber das ist graue Theorie. Wir leben nun einmal in einer Welt, in der alles ständig im Fluß ist und in der sich laufend alle Daten ändern.

Heute geschieht dies weit impulsiver als früher. Das ist die Folge der Integration, der arbeitsteiligen Weltwirtschaft, in der laufend erhebliche Mengen an Gütern umgelagert werden und in der jeder einzelne immer größere Dienste vom anderen verlangt, weil er selbst ein ganz enger Spezialist geworden ist. Es wirken so in unserer heutigen Wirtschaft Kräfte von einer Intensität und Größe, die alles, was wir bisher kannten, sehr weit übertreffen.

Solche Kräfte im monetären Bereich zu beherrschen und richtig zu lenken ist Aufgabe der Banken, wobei der Notenbank als "Bank der Banken" eine besonders wichtige und verantwortliche Aufgabe zugewachsen ist. Sie kann ihr nur gerecht werden, wenn sie so beweglich und so dynamisch bleibt, wie es nur irgend geht. In der Sprache der Fachwelt heißt dies, daß für die Notenbank in gleicher, ja erhöhter Weise wie für jedes andere Institu: die Verpflichtung gilt, ständig liquide zu sein. Das aber geschieht durch das zweckmäßige Gestalten der Aktiva-Seite der Bilanz, auf der die Vermögenswerte der Bank, d. h. Forderungen und Sachwerte (hier vor allem Gold), stehen. Sie hat den gleichen Rang wie die Passiva-Seite, d. h. der Aufstellung der Verpflichtungen, wie Banknoten und insbesondere Buchgeld.

Diese beiden Bilanzseiten bedingen sich gegenseitig. Das aber sehen alle die nicht, die zwar ein wenig von der Quantitätstheorie des Geldes verstehen, denen aber die Bilanz einer Bank ein Buch mit sieben Siegeln ist, was mehr oder weniger – aus der Natur der Sache heraus – von allen "Fiskalisten" gilt, zu denen ein großer Teil unserer im Etatdenken verhafteten Politiker gehört. Sie wären sonst nicht auf den Gedanken gekommen, daß wir ungestraft liquides Vermögen der Notenbank – nämlich Währungsguthaben im Ausland – gegen Staatsschulden austauschen können, worauf schließlich der Vorschlag hinausläuft, die Notenbank möge dem Bund einen Devisenkredit für Zwecke von Rüstungskäufen geben. Eine solche Forderung zielt darauf ab (ob man dies will oder nicht), die Liquidität der Bank, also ihre Fähigkeit, lebendig und dynamisch zu bleiben, einzuschränken. Ihre Aktiva-Seite würde betoniert werden.

Über diesen Einwand geht man heute gern mit dem Hinweis hinweg, daß das Mobilisierungsverfahren gezeigt habe, wie man selbst aus untilgbaren Ausgleichsforderungen – also aus der unbeweglichsten Schuld, die es überhaupt gibt – leicht veräußerbare Geldmarktpapiere machen kann. Das aber ist Spiegelfechterei, denn im Grunde hat die Bundesbank nicht einen Pfennig an Ausgleichsforderungen verkauft (sie muß ja die aus der Mobilisierung stammenden Geldmarkttitel bei Fälligkeit einlösen, ja sie zwischendurch, wenn sie ihr angeboten werden, aufnehmen). Es handelt sich bei dieser Offenmarktpolitik, wirtschaftlich gesehen, um nichts anderes als um eine Verzinsung von Notenbank-Einlagen der Geschäftsbanken. Das Verfahren ist dem Wesen nach das gleiche, wie die in den Zeiten des Aufbaues des Juliusturms praktizierte Methode des vorübergehenden Verkaufs von Ausgleichsforderungen an die öffentliche Hand. Beide Verfahren sind in einer ganz bestimmten Situation geschaffen worden und leisten in ihr gute Dienste. Daraus aber dürfen wir nicht den Schluß ziehen, dies ginge immer und in jedem Falle.