Mein Schulkamerad Kilian Krummbein war ein außergewöhnlich kleiner Kerl. Er hatte einen gedrungenen Kopf mit niedriger Stirn, eine ungesunde Hautfarbe, viele Pickel und Mitesser im Gesicht, sein Haar war struppig und fettig und hatte sozusagen überhaupt keine Farbe. Es war wie seine Kleider, die grau oder braun-sein mochten, lila oder grün, sie verschwammen zu den Farben seiner Haare, seiner Haut und seiner Augen, zu unbestimmbaren Schmutzfarben.

Seinem Namen zur Ehre hatte er krumme Beine, woraus man wohl entnehmen konnte, daß diese Eigenschaft in seiner Familie erblich war. Wir aber gaben Krummbein obendrein noch den Spitznamen "Dackel".

Von den andern Schülern wurde Kilian Krummbein herablassend behandelt, teils wegen seines Äußeren, teils, weil er ein sehr schlechter Schüler war, teils, weil er aus ärmlichen Verhältnissen kam – besonders aber, weil man ihn verdächtigte, oftmals Dinge zu finden, die andere verloren hatten, ohne daß er sich als Finder meldete. Nachweisen konnte man ihm nie etwas. Nur verließ er meistens als letzter das Klassenzimmer, und falls man einmal einen Füllfederhalter oder dergleichen hatte liegenlassen, fand man ihn selten wieder.

Obschon er allgemein unbeliebt war, gaben wir uns doch viel mit ihm ab. Man traf ihn öfter bei dem Kiosk, dessen Inhaberin seine Mutter war. Dort kauften wir uns solche Köstlichkeiten, wie Pfefferminz, Bärendreck, Veilchenpastillen oder Limonade, gelb, rot und grün. Das waren legale Einkäufe. Für derlei durfte man sein Taschengeld ausgeben.

Es gab aber auch illegale Einkäufe, und ihretwegen wendeten wir uns an den Dackel anstatt an seine Mutter. So rauchten wir hin und wieder Zigaretten aus bloßer Angeberei. Wir nahmen es in Kauf, daß Kilian Krummbein uns die Zigaretten zu erhöhten Preisen abgab. Auch neideten wir es dem Dackel nicht, daß er meistens mehr Geld in der Tasche hatte als wir; er hatte es sich immerhin verdient, so oder so; dagegen bekamen wir es geschenkt.

Da er die Schule früher verließ als wir andern, sahen wir ihn später nur noch selten. Als wir noch eifrig Latein lernten, war er bereits in einem praktischen Beruf tätig. Er war Lastwagenchauffeur geworden und schon weit herumgekommen. Er fuhr offenbar besonders zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her, und man munkelte, er betreibe Schmuggelgeschäfte mit Zigaretten, Uhren und anderen Dingen.

Diese Gerüchte mochten jedoch unbegründet sein. Vielleicht waren sie nur entstanden, veil man sich so etwas von Kilian Krummbein sehr gut vorstellen konnte.