Der alte Sigmund Freud ist noch nicht veraltet

Von Ludwig Marcuse

Der Engländer Ernest Jones hat sein monumentales "Leben und Werk Sigmund Freuds" Basic Books, New York, 1957), mehr als 1500 Seiten Großformat, beendet. In diesem Herbst ist der dritte Band erschienen.

Das gelehrte Unternehmen nimmt einen besonderen Rang innerhalb der Freud-Literatur ein: es ist, was das Biographische, die Entwicklung der Lehre und die Geschichte der Bewegung betrifft, das umfassendste Quellenwerk neben den siebzehn Bänden der Gesammelten Werke und Freuds Briefen an Fliess. Denn nur Jones standen bisher der unveröffentlichte Briefwechsel (allein 900 Liebesbriefe) und die Tagebücher zur Verfügung, welche die Familie bewahrt hat und offenbar nur in Jones (spärlichen) Extrakten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen gewillt ist.

Außer diesem Privileg hat Jones noch ein anderes, weniger willkürliches: es ist kaum ein zweiter am Leben, der auf eine so lange und so enge Zusammenarbeit mit Freud und seinem Kreis zurückblicken kann. So genießt niemand wie Jones das Prestige, der Experte in allen Fragen zu sein, die das Leben des großen Forschers, die Geschichte seiner Forschungen, die zeitgenössischen Freunde und Feinde seiner Person und der Psychoanalyse betreffen.

Deshalb sah man diesem abschließenden Band, der die letzten zwanzig Jahre (1919-1939) zum Thema hat, mit großen Erwartungen entgegen, wenigstens in den englisch sprechenden Ländern. Von den fünfhundert Seiten sind fast zweihundertundfünfzig dem Leben gewidmet; die zweite Hälfte bringt Zusammenfassungen unter Titeln wie "Biologie", "Anthropologie", "Soziologie", "Religion". Ein Anhang enthält unverkürzte Briefe Freuds an Lou Andreas Salome, Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Arnold Zweig; außerdem einen Auszug aus den Krankenakten des Professors Pichler während der sechzehn Jahre, in denen Freud dreiunddreißig Krebsoperationen durchmachte.

Die Biographie hat vor allem drei Themen: die Krankheiten, die Geschichte der psychoanalytischen Gemeinschaft, vor allem ihrer Konflikte (Jung, der in dieser Zeit eine schlimme Rolle spielte, wird sehr geschont) und Freuds Reaktionen auf die politischen Ereignisse zwischen den Kriegen.