Von Werner A. Fischer

Im Programmheft, das die Ostberliner "Deutsche Staatsoper" anläßlich der Aufführung der Oper "Die Verurteilung des Lukullus" von Bert Brecht und Paul Dessau im Jahre 1951 herausgab, steht folgender bemerkenswerte Satz, den Brecht erdacht und geschrieben haben könnte: "Ruhm ist nicht alles, man muß auch leben können."

An diesen Satz dachte ich, als ich einen Bert-Brecht-Abend im Wiesbadener Keller junger Künstler – auch "tombe" genannt – erlebte.

Man muß auch leben können. Findet man nicht in diesem von Brecht gebilligten Bekenntnis den Schlüssel zum Werk des armen B. B., wie er sich 1921 selbst in einer Ballade nannte? Dieser Satz muß auch das Leitmotiv des Wiesbadener Brecht-Abends gewesen sein. Man spürte es an der Auswahl der Gedichte, der Songs, der Szenen. Hier zählte nicht mehr der Funktionär Bertolt Brecht, sondern der "arme B. B.", der nicht erkannte, den meisten nicht genehme Dichter Brecht.

Zur Einleitung gab es die Anekdote des Arztes Dr. Müller-Eisert, eines Schulfreundes von Brecht, die Herbert Ihering schon 1949 im Brecht-Sonderheft der Literaturzeitschrift "Sinn und Form" wiedergegeben hatte:

"Brecht, der schwach im Französischen war, und ein Freund, der schlechte Zensuren im Lateinischen hatte, konnten Ostern nur schwer versetzt werden, wenn sie nicht noch eine gute Abschlußarbeit schrieben. Aber die lateinische Arbeit des einen fiel genauso schlecht aus wie die französische des anderen. Darauf radierte der Freund mit einem Federmesser einige Fehler in der Lateinarbeit aus und meinte, der Professor habe sich wohl verzählt. Der aber hielt das Heft gegen das Licht, entdeckte die radierten Stellen, und eine Ohrfeige tat das übrige.

Brecht, der nun wußte: so geht das nicht, nahm rote Tinte und strich sich noch einige Fehler mehr an. Dann ging er zum Professor und fragte ihn, was hier falsch sei. Der Lehrer mußte bestürzt zugeben, daß diese Worte richtig seien und er also zuviel Fehler angestrichen habe. ‚Dann‘, sagte Brecht, ‚muß ich doch eine bessere Zensur haben.‘ Der Professor änderte die Zensur, und Brecht wurde versetzt."