Von Johannes Jacobi

Das Jahr 1957 war ein "Jahr der neuen Oper". Ein halbes Dutzend Uraufführung gen, darunter erste Bekenntnisse zur Opernbühne von Komponisten, die bisher die Szene gemieden hatten ( Fortner, Klebe) – schien das nicht die Ehrenrettung einer vielverlästerten Kunstgattung zu bedeuten? Ein wenig düsterer wird das Bild, wenn man prüft, welche dieser Opern denn beim Publikum wirklich "angekommen" ist, welche damit rechnen kann, noch häufiger auf den Spielplänen der deutschen Opernbühnen wiederzukehren. Da bleiben von den sechs wohl nur zwei: Werner Egks "Revisor" (der der Komödie Gogols viel von seiner Anziehungskraft verdankt) und Rolf Liebermanns gefällige "Schule der Frauen".

Zwischen dem Opernpublikum und den musikalisch Gebildeten unter den Verächtern der Oper herrscht Krieg, seitdem es Strawinskijs "Geschichte vom Soldaten" gibt. Seitdem spricht man nämlich in Kennerkreisen vom "Musiktheater".

Die scheinbar neue Gattung bot ein Hintertürchen für alle, die die "kulinarische Oper" nicht mehr hören mochten; die die Oper als ein "Fest der Stimmen" nicht mehr mitzufeiern bereit waren.

Nach dem ersten Weltkrieg stellte sich Strawinskij am Genfer See die Situation der Nachkriegsbühnen vor und schrieb ein neuartiges Gesamtkunstwerk, das auf keinen Bühnenapparat angewiesen war, das zur Not von Umherziehenden in einer Scheune gespielt werden konnte. Schauspielregisseure taten im Verlauf der zwanziger Jahre ein übriges, um sogar konventionelle "Opern" durch die Wiedergabe "aufzulockern". So also entstand das Musiktheater.

Zwei Opernpremieren der jüngsten Zeit geben mir Gelegenheit zu erkunden, wie es heute mit dem Musiktheater und wie mit der großen Oper bestellt ist.

Im Darmstädter Landestheater sah man zum ersten Male wieder seit der Verbotszeit die große, dreiaktige Fassung von Kurt Weills Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", die mit dem Text von Bert Brecht 1929 in Leipzig einen Skandal ausgelöst hatte. (Die 1927 ebenfalls mit Skandal in Baden-Baden gestartete, einaktige Songspielfassung war schon vorher in Köln wieder zur Diskussion gestellt worden.)