Maßstäbe gewerkschaftlicher Lohnorientierung

Von Rudolf Hensehel, DGB

Vor vier Wochen haben wir an dieser Stelle (unter dem Titel: "Sachen – aber eben sehr umstrittene Sachen") über ein von der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Heiligenhaus veranstaltetes Streitgespräch zwischen Unternehmern, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern berichtet. Es ging dabei um lohnpolitische Fragen, insbesondere darum, ob und wieweit die Produktivität (also die Entwicklung der Leistung je Arbeitsstunde) ein brauchbarer Maßstab für volkswirtschaftlich "richtige" Lohnerhöhungen ist oder sein kann. Wir haben in unserem Kommentar, entgegen der These der Arbeitgeberverbände, den Standpunkt vertreten, daß die Produktivität wohl eine sehr wichtige "Meßzahl" für tragbare Lohnbewegungen sei, aber nicht die einzige. Auch die konjunkturelle Situation, die Entwicklung des Außenhandels und der freiwilligen Ersparnisse etwa müßten berücksichtigt werden. Diese Ansicht hat, wie zu erwarten war, im Hause des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Düsseldorfer Stromstraße Zustimmung gefunden. Weniger einverstanden war man aber mit dem zweiten Teil unserer Ausführungen, die sich nun auch kritisch mit den lohnpolitischen Vorstellungen der Gewerkschaften, mit denen "sämtlichen Faktoren der wirtschaftlichen Entwicklung" Rechnung getragen werden soll, auseinandersetzten. Uns wird von dort geschrieben, daß es, um die in Heiligenhaus angesprochenen "neuen Ziele" der gewerkschaftlichen Lohnpolitik zur Diskussion zu stellen, doch notwendig sei, die Gesamtkonzeption zusammenhängend zur Darstellung kommen zu lassen. Wir tun das, schon im Interesse der Sache und aus alter Übung, gern und geben dem tarifpolitischen Sachbearbeiter in der Hauptabteilung Wirtschaftspolitik beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Rudolf Henschel, das Wort.

Sachen – auch sehr umstrittene Sachen – brauchen auf Grund dessen, daß sie. einmal umstritten waren, keineswegs falsch zu sein. Falsch – das kann mit vollem Recht behauptet werden – ist nur jede einseitige Orientierung der Löhne an einem der vielfältig möglichen Produktivitätsindizes, an einem der möglichen Preisindizes oder an einem früheren Lebensstandard. Diese Feststellung konnte als unbestrittenes Ergebnis des "Heiligenhauser Gesprächs" mit nach Hause genommen werden. Unbestritten blieb auch die gewerkschaftliche Feststellung, daß sich die Lohnsteigerungen an einer Vielfalt wirtschaftlicher und politischer Tatbestände orientieren müssen.

Welches aber sind, in der Vielfalt wirtschaftlichen Daten und politischer Zielsetzungen, die für eine Orientierung der Lohnentwicklung greifbaren Werte? Löhne werden nicht nur für den Verbrauch, sondern auch zum Sparen verwendet. Die Verbrauchszunahme einer Gruppe ist nicht nur vom Zuwachs der Güterproduktion, sondern auch von der Verteilung an andere Bereiche abhängig. Sollen Mißverständnisse vermieden werden, so ist es notwendig, eine Ordnung in diese Zusammenhänge zu bringen. Auf diesem Gebiet müssen neue Untersuchungen noch tiefere Einsicht schaffen. Aus der Rückschau der Heiligenhauser Diskussion lassen sich aber schon jetzt fruchtbare Ansätze für eine Verständigung finden. Hierbei kommt es nicht so sehr auf die Deutung einzelner Fakten, sondern vor allem auf die wirtschaftlichen Ziele an.

Die Ziele

Eine wirtschaftliche Orientierung der Lohnentwicklung ist ohne eindeutige Ziele nicht möglich. Auch in diesem Punkt fand die gewerkschaftliche Auffassung volle Bestätigung. Als Ziele der gewerkschaftlichen Lohnpolitik wurden immer wieder herausgestellt: