Der erste Sekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR, Chruschtschew, hielt zum 40jährigen Jahrestag der sowjetischen Oktoberrevolution eine vielstündige Mammutrede, die er unter das Motto stellte: "Es gibt kein Problem, das für die Sowjetindustrie unlösbar wäre." Mit Staunen vernahmen die Zuhörer, daß "die Geschichte noch keinen so stürmischen Aufstieg der Industrieproduktion erlebt hat, wie er in der UdSSR erreicht wurde". Das war jedoch mehr eine rethorische Blüte, die sich bei kritisch unvoreingenommener Betrachtung der nüchternen Tatsachen schnell entblättert.

Zweifellos ist die sowjetische Wirtschaft, über längere Zeiträume betrachtet, prozentual schneller gewachsen als die amerikanische und die europäische; aber absolut gesehen hat sich die Kluft zwischen der sowjetischen und der amerikanischen Industrieproduktion weiterhin zugunsten der USA vergrößert. Der Grund dafür liegt einfach darin, daß die sowjetische Industrie nur etwa halb so groß ist wie die amerikanische. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung betrug im Jahre 1955 der Wert der industriellen Produktion (in Preisen von 1929) in den USA 160,7 und in der Sowjetunion nur 77,6 Mrd. $. Das bedeutet, eine jährliche Wachstumsrate von zwei oder drei v. H. in der amerikanischen Industrie hat ein ebenso großes Volumen wie fünf oder sechs v. H. in der sowjetischen.

Allein die Stahlerzeugung zeigt ein weiteres Auseinanderklaffen der Wirtschaft beider Länder. Die sowjetische Stahlproduktion stieg zwischen 1929 und 1956 von 4,9 auf 48,6 Mill. t. In der gleichen Periode verzeichnen die USA eine Zunahme der Stahlproduktion von 57,3 auf 104,5 oder um 47,2 Mill. t. Obgleich sich also die Produktion der USA nur etwa verdoppelte und die der Sowjetunion sich nahezu verzehnfachte, hat sich die Kluft in absoluten Zahlen von 52,4 auf rund 56,0 Mill. t zugunsten der USA vergrößert. In den Ländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stieg dagegen in der gleichen Periode die Stahlerzeugung zwar um 54 v. H., die Steigerung machte jedoch nur etwa 202 Mill. t oder die Hälfte der sowjetischen Steigerung aus. Etwa die gleiche Entwicklung findet man bei Energie und Erdöl.

Bei allen Vergleichen der industriellen Wachstumsraten mit der Sowjetunion müssen wir jedoch berücksichtigen, daß die Industrialisierung in Sowjetrußland erst etwa mit der Verkündung des Fünfjahresplanes im Jahre 1928 begonnen hat, zu einer Zeit also, als die westeuropäischen Länder und die USA bereits einen relativ hohen industriellen Entwicklungsstand erreicht hatten. Die Russen waren dadurch in der Lage, alle technischen Erkenntnisse zu nutzen die die anderen Länder in langen Entwicklungsjahren errungen hatten. Den Grad der Industrialisierung zu Beginn des sowjetischen Industrieaufbaues zeigt die Statistik: 1929 betrug der Anteil an der Industrieproduktion der Welt (ohne Grundstoffe) für die Sowjetunion 4,3, für die USA dagegen 42,2 und für die EWG-Staaten 23,4 v.H.

Chruschtschew war auch schlecht orientiert, als er sagte, daß "die Vereinigten Staaten von Amerika, Deutschland und Großbritannien 80 bis 150 Jahre brauchten, um das Volumen der Industrieproduktion um das 30fache zu erhöhen". Die USA konnten ihre Stahlproduktion von 4,3 Mill. t im Jahre 1890 auf 45,0 Mill. t bis 1914 steigern; in 24 Jahren verzehnfachen (siehe Graphik). Die Sowjetunion dagegen brauchte 27 Jahre, um ihre Stahlerzeugung zu verzehnfachen. Sie produzierten 1928 rd. 4,3 und 1955 etwa 45,3 Mill. t. Die EWG-Staaten erzeugten 1890 jedoch 3,1 und im Vorkriegsjahr 1913 dann 25,2 Mill. t; sie produzierten in 23 Jahren also achtmal so viel wie 1890. Dagegen konnten die sowjetischen Stahlwerke erst in 26 Jahren (von 5,9 Mill. 1930 bis 1956 mit 48,6 Mill. t achtmal so viel produzieren. Berücksichtigen wir noch, daß in den westlichen Ländern auch zu allen Zeiten die Konsum- und Verbrauchsgüterproduktion hoch war, während in der Sowjetunion die Investitionen für diese Industriezweige auf einem Minimum gehalten wurden, so müssen wir zu dem Schluß kommen, daß der industrielle Aufstieg der Sowjets durchaus nicht so einmalig in der Geschichte ist. Nur für die Tatsache, daß das sowjetische Volk die Industrialisierung praktisch erhungern mußte, findet sich kein Beispiel in der Geschichte. jn.