Außereheliche Kinder haben ein leichteres Schickals wir es hatten; es gibt schließlich auf allen Pfaden des Lebens so viele außereheliche Kinder. Wir aber hatten gewußt, was es bedeutet, einen gefeierten und bewunderten Vater zu haben, und mußten ihn nun verleugnen und all unser Wissen um ihn in unser Herz verschließen; das war für unser kindliches Gemüt eine furchtbare Belastung ... alles, Freunde, Orte und Dinge, mit denen wir vertraut waren, mußte vergessen und aus unserem Gedächtnis gerissen werden."

In diesem anklagenden Satz steckt die Quintessenz des Buches

Vyvyan Holland: "Erbe eines Urteils." Hermes-Verlag, Wien; 350 S.

Der Untertitel gibt weitere Auskunft: "Oscar Wildes Sohn erzählt." "Erbe eines Urteils" ist seine Jugendgeschichte, dargestellt "als Teil der ganzen tragischen Geschichte von Oscar Wilde".

Aus einer glücklichen, geborgenen Kindheit im elterlichen Heim wurden die Söhne Oscar Wildes durch das Gerichtsurteil gegen ihren Vater gerissen. Gerade von diesem Urteil, um das sich schließlich alles dreht, ist jedoch nur in Andeutungen die Rede. Der Leser, der nicht vorher schon wußte, daß Oscar Wilde wegen Homosexualität verurteilt worden war, und zwar nach einem neuen Gesetz, ist nach der Lektüre dieses Buches nicht klüger. Andere Leser auch nicht.

Die schönsten Stellen darin sind nicht die, wo der Sohn, sondern die, wo der Vater erzählt. Ein knappes Viertel des Buches nimmt der Anhang ein mit unveröffentlichten Gedichten in Prosa und Briefen Oscar Wildes.

Frisch und natürlich, mal ernst und mal heiter, ein wenig eingebildet und selbstbewußt, bald sportbegeistert, bald in religiösen Zweifeln findet der Leser den Dichter. R. v. G.