-ge, Bremen

Lebten noch die wegen ihrer Streiche berühmten Bürger der sächsischen Stadt Schilda – sie würden gewiß große Freude an den ebenso kostspieligen wie nutzlosen Experimenten haben, zu denen sich die sonst so besonnen planenden Bremer bei der sogenannten Stadtwaage haben hinreißen lassen. Um die Reste dieses im Krieg sehr stark beschädigten Renaissance-Bauwerks aus dem 16. Jahrhundert haben staatliche und parlamentarische Instanzen seit dem Kriege ausdauernd – wenn auch ohne sichtbares Ergebnis – gerungen.

Nachdem die Stadt für die Erhaltung der vom Verfall bedrohten Ruine sowie für die Ergänzung fehlender Teile des Prachtgiebels mehr als 200 000 DM aufgewendet und für zwei große Wiederaufbau-Wettbewerbe weitere 60 000 ausgegeben hatte, verkündete die Baubehörde schon vor längerer Zeit ihren Entschluß, die Stadtwaage endgültig einzureißen, weil niemand so recht wisse, was mit diesem Bauwerk geschehen solle.

Mit diesem Entscheid – Abbruch und Einlagerung der vorhandenen Teile – gab die Behörde das Startzeichen zu einer überaus erregten Debatte. Während die hansestädtischen Parlamentsausschüsse erneut eingeschaltet wurden, während der staatliche Baudenkmalspfleger sich in Zeitungsartikeln entschieden gegen die Abbruchpläne wandte und während der Vorsitzende der SPD-Bürgerschaftsfraktion erklärte, für die Stadtwaage werde kein Pfennig mehr bewilligt, fragten sich die Bremer Bürger beklommen, welch tieferer Sinn wohl darin liegen könne, ein städtebaulich und kunsthistorisch wertvolles Bauwerk vollends zu zerstören, für dessen Konservierung man schon so viel Geld ausgegeben hat.

Die Befürworter der Abbruchpläne (deren Verwirklichung noch einmal 36 000 DM kosten würde) meinen, die Stadtwaage sei ein "Faß ohne Boden", weil keine Klarheit über den späteren Verwendungszweck bestehe. Die Deputation für Kunst und Wissenschaft indes kam am letzten Wochenende zu einem anderen Ergebnis. Sie erklärte, man könne dort verschiedene städtische Einrichtungen unterbringen, die noch keine endgültige Bleibe hätten. Folgerichtig lehnten die Deputierten es ab, den Denkmalsschutz für die Ruine aufzuheben.

Damit ist das Maß der Verwirrung nun wirklich voll. Einerseits darf ein unter Denkmalsschutz stehendes Gebäude nicht abgebrochen werden und andererseits kann man es – wenn, nach der Absicht der SPD-Fraktion, kein Geld mehr bewilligt wird – weder wiederaufbauen noch in seiner Substanz erhalten.

So wird die spannungsreiche Bremer Stadtwaage-Diskussion vielleicht erst, an dem Tage wirklich enden, an dem das Gemäuer – ganz ohne menschliches Zutun – in sich zusammenstürzt.