J. M., Wien, im November

Es sind Reisende gekommen aus dem Ungarnland, die zu berichten wissen, daß der Premier von Rußlands Gnaden, Janos Kadar, einen kapitalen Hirsch geschossen hat: Man spricht von 11 kg Geweihgewicht und mehr, was in der Tat die Trophäe in die Weltklasse einreihen würde. Die Nachricht ist aus verschiedenen Gründen interessant, zeigt sie doch, wie rasch sich neue Machthaber die oft geschmähten Herren-Allüren zulegen. Auch Tito ist ein leidenschaftlicher Jäger geworden, und ein Verehrer von jeder Art bombastischen Luxus. Niemand scheint dies wunderzunehmen – nur Gomulka soll an all den Baulichkeiten, die den Übergang vom Partisanen-Biedermeier zum Reichskanzlei-Empire darstellen, Anstoß genommen haben. Um auf Kadars Hirsch zurückzukommen: die Geschichte beweist weiter eine gewisse Konsolidierung der Gewaltherrschaft, sonst hätte sich Kadar nicht aus Budapest weggetraut, um die "rote Arbeit" (die Jäger verstehen darunter das "Aufbrechen" des erlegten Wildes) ausnahmsweise im Walde zu verrichten. Sein Jagdnachbar soll übrigens ein deutscher Herr gewesen sein, der in diesem Jahr zum erstenmal in Ungarn einen Hirschabschuß erworben hat.

Bisher waren die Männer, die Weltrekord-Hirsche geschossen haben, eine kleine internationale Gruppe, die sich untereinander gut kannte: Magnaten der alten Aristokratie und Manager der neuen. Nun tritt Janos Kadar, aus dem Stamme der Henker, zu ihnen.