Die religiöse Sendung des Musikers von Oertzen

Das Werkverzeichnis des Hamburger Komponisten Rudolf von Oertzen enthält überwiegend Titel, die auf religiös-weltanschauliches Bekennertum deuten. Mit der Sinfonia Transfigurata, einem reinen Orchesterstück, und mit der chorischen Sinfonia hominis "Hiob" wurde er bekannt. Die österliche Musica Pia, eine Jesus-Kantate und ähnliche Werke vervollständigten das Bild eines sendungsbewußten Musikers, von dem vor allem evangelische Kreise eine religiös verbindliche, der experimentellen Isolation enthobene Tonsprache erwarten: eine vielleicht kühne, aber verständliche Musik, die der Verkündigung des geistlichen Wortes dient.

In der Sinfonia matris, die kürzlich in Hamburg uraufgeführt wurde, verdichtet sich dieser Anspruch merklich. Der Kompromiß zielte, wie er selber zu verstehen gibt, dahin, mit diesem Werk eine Lücke zu schließen, die im evangelischen dogmatischen Raum klafft. Es geht um die Begriffe von Schuld und Erlösung, von Erbsünde, Liebe und Gnade, verkörpert durch die Gestalten der Urmutter Eva und der Gottesmutter Maria. Es geht nicht etwa um die Erweckung eines evangelischenMarienkultes, sondern darum, das Weibliche im Bereich religiöser Urphänomene bewußt zu machen.

Solchem Vorhaben konnte begreiflicherweise nicht "irgendeine Tonsprache" dienlich sein, und so zögerte Rudolf von Oertzen nicht, symbolische Zusammenhänge zwischen Partitur und religiösen Themen herzustellen: durch Zahlenallegorien und symbolische Zusammenhänge – etwa zwischen einem Kanon in Gegenbewegung und der Mystik von Luther-Worten, durch die die Mariengeschichte kommentiert wird.

Für solch anspruchsvolle Konzeption gibt es ein erhabenes Vorbild: in Johann Sebastian Bachs Werken, besonders in seinen Passionen, hat man eine Welt von tonsymbolischen Bezügen wiederentdeckt, die als letzte, krönende Ausprägung Teil einer jahrhundertealten geistigen Konvention war.

Die Frage, ob solche Entsprechungen auch heute in einem isolierten, von keiner verbindlichen Konvention mehr getragenen Einzelfall glaubhaft wiederhergestellt werden können, blieb durch den starken Beifall unbeantwortet. Er galt außer dem Komponisten der vorzüglichen Aufführung. Adolf Detel leitete den Städtischen Chor und ein aus Mitgliedern des NDR zusammengesetztes Orchester. Ursula Zollenkopf und Hermann Firchow sangen, Claudius Lipp spielte die Orgel.

Für die Vertonung des Bibelworts hat Bach noch ein anderes Vorbild gegeben, das nun allerdings uneingeschränkt und zeitlos gültig ist. Es betrifft das handwerkliche Gewissen. Die Partituren seiner Kirchenmusik repräsentieren den höchsten kompositorischen Standard seiner Zeit. Bach hat es sich so schwer wie möglich gemacht, und der Weg zur Mystik ging für ihn durch die strengste kompositorische Zensur. – Von diesen beiden Ansprüchen her gesehen, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß, bei aller Anerkennung subjektiver Glaubwürdigkeit, Rudolf von Oertzen in seinem neuen Oratorium einerseits zu hoch, andrerseits nicht zu hoch gegriffen habe... Gorvius