Die Art der Vermögensanlage wird heute in erster Linie durch steuerliche Gesichtspunkte bestimmt. Bei der Höhe der Steuersätze und der Vielzahl der Steuern hat das zweifellos seine Berechtigung. Dem Mann am Bankschalter wird aber dadurch seine Tätigkeit erschwert, denn er muß heute nicht nur Vermögensberater, sondern auch in vieler Hinsicht Steuerberater und neuerdings wohl auch Rentenberater sein. Gute Vorschläge kann er jedoch nur machen, wenn Sie, meine verehrten Leser, ihm freimütig auf seine Fragen Auskunft geben. Er muß wissen, wie Sie "steuerlich liegen", um Ihnen sagen zu können, ob für Sie ein steuerbegünstigter Sparvertrag in Frage kommt, ob Sie hochverzinsliche Anleihen oder solche Pfandbriefe erwerben sollen, deren Zinsen steuerfrei sind, und ob vielleicht ein Teil Ihrer Ersparnisse in Aktien angelegt werden müßte. Da eine Bank alles andere als der verlängerte Arm des Finanzamtes ist, können Sie sicher sein, daß ein Gespräch unter vier Augen auf keinen Fall nachteilige Folgen für Sie hat. Daß eine solche Aussprache lohnend sein kann, zeigten mir unlängst einige Leserbriefe, aus denen hervorging, daß in Unkenntnis der sehr komplizierten Bestimmungen über die Versteuerung von Zinseinnahmen auf die Zinsen vier- und fünfprozentiger Pfandbriefe Einkommensteuer entrichtet worden ist, obwohl diese Emissionen gerade zu den Papieren gehören, denen vom Gesetzgeber fast völlige Steuerfreiheit zuerkannt worden ist.

Der verständliche Wunsch, Steuern zu’sparen, darf nicht so weit gehen, daß die Vermögensanlage dadurch einseitig wird. Selbstverständlich sollte jeder, der die Möglichkeit dazu hat, die Höchstbeträge der beschränkt abzugsfähigen Sonderausgaben voll ausnutzen. Aber alle Mittel, die darüber hinaus verfügbar sind, müssen "gestreut" angelegt werden, auch in Aktien. Sozusagen Markenartikel des gut verteilten Risikos sind die Investment-Zertifikate. Fachleute wachen hier ständig über die Qualität der Anlagen und sind bemüht, schlechte Risiken rechtzeitig zu erkennen und auszumerzen. Für diese Tätigkeit muß der Zertifikats-Inhaber eine Gebühr bezahlen.

Wer sich nun selbst ein Wertpapierportefeuille aufbauen will, muß gerade bei den Aktien auch die Aufgabe der Marktbeobachtung übernehmen. In vielen Fällen wird sie durch Hinweise der Bank erleichtert, aber die Entscheidung, ob ein Papier ge- oder verkauft werden soll, bleibt dem Banckunden überlassen, während der Zertifikat-Inhaber auf die Zusammensetzung seines Fonds keinerlei Einfluß hat. In einer Hinsicht sind aber auch Investment-Zertifikate Risikopapiere: Weder sie noch eine Aktie schützen vor den Auswirkungen schwacher Börsentage. Fallen also die Aktienkurse ganz allgemein, dann geht auch der Preis für die Zertifikate zurück. Aber von dieser Möglichkeit soll hier nicht die Rede sein, gegen sie kann man sich nur schützen, wenn man rechtzeitig seinen gesamten Aktienbesitz veräußert, um ihn zurückzuerwerben, wenn die Kurse am niedrigsten sind. Diese Manöver werden immer wieder versucht; da aber niemand mit Sicherheit sagen kann, ob die Kurse überhaupt fallen werden, und wenn ja, wann der niedrigste Stand erreicht ist, nur selten mit dem gewünschten Erfolg. Die Börse geht ihre eigenen Wege – sie stimmen mit den Prognosen der Konjunkturpropheten längst nicht immer überein.

Leichter wird die Risiko- und Kursbeurteilung, wenn man die einzelnen Branchen unter die Lupe nimmt. In der vorigen Ausgabe habe ich Sie, meine verehrten Leser, mit einigen Versorgungswerten bekanntgemacht, die ich für "sichere" Papiere halte. Jedenfalls sind bei ihnen Insolvenzen oder Verluste, die zu Kapitalherabsetzungen führen würden, angesichts ihrer einmaligen Marktstellung kaum vorstellbar. Daß es aber auch notleidende Branchen gibt, zeigten die Geschäftsberichte der Zweirad-, Leder- und Jute-Industrie, die Abschlüsse der privaten Bahnen und die Tatsache, daß zwei Fischdampfer-Reedereien für das letzte Jahr einen Verlust ausweisen müssen, der mehr als die Hälfte des Aktienkapitals beträgt. Etwas am Rande der Konjunktur lagen zeitweilig auch die Unternehmen der Textil-, Zellstoff- und Zellfaser-Industrie. Nicht ohne Risiko – das lehrte die Erfahrung der vergangenen Jahre – sind auch solche Gesellschaften, die dem Baugewerbe angehören oder ihm nahestehen. Diese Liste ließe sich noch um einige Beispiele vermehren, aber Sie können aus meiner Aufzählung ohnehin schon erkennen, daß es sich alles um Branchen handelt, deren Unternehmen für die allgemeine Börsentendenz nicht ausschlaggebend sind. Die ersten Aktien, die man erwirbt, sollten nach meiner Ansicht sogenannte "Standardpapiere" sein, also Aktien der großen Montan-, Chemie- und Elektrogesellschaften sowie der namhaften Banken. Wenn es diesen Gruppen einmal schlecht gehen sollte, dann steht es mit Sicherheit in der gesamten Wirtschaft nicht gut. "Sondertouren" gehören hier zu den Seltenheiten.

Nun ist es aber keineswegs so, daß die niedrig notierenden Nebenwerte ohne jeden Reiz sind. In diesem Frühjahr wurden die Aktien der Deutschen Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft beispielsweise mit nur 38 v. H. notiert. Die Gesellschaft betreibt eine Anzahl unrentabler Privatbahnen und ist auf Grund alter Konzessionsverträge verpflichtet, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Sie kann sie also nicht stillegen. Da auskömmliche Fahrpreise von den staatlichen Stellen nicht genehmigt werden, entstehen jährlich Verluste, so daß der Wert der Aktien des Unternehmens sehr zweifelhaft ist. Das Günstigste wäre für die Aktionäre, wenn der Staat, der an der Unrentabilität der Gesellschaft mitschuldig ist, die Eisenbahnstrecken aufkauft. Obgleich dazu wenig Neigung besteht, ist es der Deutschen Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft gelungen, eine Linie zu einem annehmbaren Preis abzustoßen. Dadurch sah sich die Verwaltung in der Lage, den Aktionären anzubieten, einen Teil ihrer Aktien zu 50 v. H. zurückzunehmen. Mit dieser Möglichkeit hatten einige Leute gerechnet und die Aktien gekauft, bis sie einen Kurs von 49 v. H. erreichten. Wer also das Glück hatte, zu 38 v. H. gekauft zu haben und jetzt mit 49 v. H. "aussteigen" will, der hat auf seinen Einsatz innerhalb weniger Monate einen Gewinn von rund 29 v. H. erzielt.

Kursgewinne in dieser Höhe sind natürlich bei den Standardwerten kaum zu erwarten. Dafür ist das Risiko auch geringer. Wenn eine Aktie der Farbenfabriken Bayer von 200 auf 190 v. H. zurückfällt, dann beträgt der Verlust fünf v. H.; notiert aber eine Aktie zu 50 v. H. und läuft dann zehn Punkte zurück, dann sind schon 20. v. H. verloren. Das muß man sich klarmachen, wenn man Papiere zu niedrigen Kursen erwirbt. Sie sind nicht immer ein schlechtes Geschäft, aber sie eignen sich selten für eine solide Vermögensanlage. Hier liegt ein weites Feld für die Spekulation, über das wir uns in einem der folgenden Gespräche noch einmal ausführlicher unterhalten wollen. Ihr Securius.