Washington, Ende November

Erst jetzt ist es möglich geworden, sich aus einer Vielzahl kleiner und scheinbar unbedeutender Einzelheiten ein Bild darüber zu machen, wie weit Amerika gegenüber Rußland in der Produktion moderner Raketenwaffen wirklich nachhinkt. Folgendes Bild ergibt sich:

Zunächst einmal ist da die Interkontinentalrakete, die wichtigste aller Offensivwaffen, die ausländische Stützpunkte überflüssig macht und in einer halben Stunde von Rußland über den Nordpol nach Amerika fliegen und dort Zerstörungen verursachen kann. Die Russen haben vier solcher Raketen mit Erfolg ausprobiert, und dem Westen ist es bislang nicht gelungen, eine wirksame Verteidigungswaffe zu entwickeln.

Die Sowjets nennen ihre Interkontinentalrakete T3. Als Treibstoff dienen ihr flüssiger Sauerstoff und Paraffin. Ein neues Modell, erprobt beim Abschuß von Sputnik II, wurde mit einer Boronverbindung angetrieben. Anfang 1958 soll T 3 in die Serienproduktion gehen. Sofern die Russen bei der Produktion dieser Riesenrakete das gleiche Tempo vorlegen können wie bei den kleineren Kalibern, werden möglicherweise schon in zwei Jahren Tausende dieser Raketen zum Abschuß auf westliche Ziele bereitstehen.

Die beiden amerikanischen Interkontinentalraketen, die im Augenblick gebaut werden, liegen in der Entwicklung fünf Jahre hinter der T 3 zurück. Dieser Abstand läßt sich nur einholen, wenn es gelingt, die gegenwärtigen Produktionspläne erheblich zu beschleunigen. Mit anderen Worten, Atlas und Titan, die beiden von der US-Luftwaffe entwickelten Interkontinentalraketen, werden nicht vor 1962 für eine Serienproduktion reif sein. Der für Atlas bestimmte Antrieb ist schon erfolgreich am Boden erprobt worden, versagte jedoch bei einem Flugversuch. Atlas und Titan werden mit einem völlig neuartigen Lenksystem ausgestattet sein. Die Nasenkegel beider Raketen sind stumpf und mit einer dünnen Kunststoffschicht geheimer Zusammensetzung bedeckt. Diese Hülle verbrennt durch die Reibungshitze der Atmosphäre, wobei das Innere des Kegels aber intakt und explosionsfähig bleibt.

Was nun die Mittelstreckenraketen anbetrifft, so haben die Russen den Komet in Produktion, ein ballistisches Geschoß, das von getauchten U-Booten abgeschossen werden und bei einer Geschwindigkeit von 13 000 Kilometerstunden Atomsprengköpfe über tausend Kilometer weit tragen kann. Das amerikanische Gegenstück, die Polaris, ist noch im Entwicklungsstadium und wird den Stand des russischen Komet wohl erst 1962 erreichen. Vom Land abgeschossen wird eine weitere (über 30 Meter lange) Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von etwa 2500 Kilometern. Diese Rakete kann Wasserstoffbomben tragen. Allein ihre erste Stufe entwickelt schon eine Schubkraft, die weit größer ist als die aller amerikanischen Raketen. Die T 2 ging vor 18 Monaten in die Produktion, und man schätzt, daß bereits mehr als 3000 dieser Raketen bereitstehen.

Die amerikanischen Gegenstücke, die 18 Meter lange Armee-Rakete Jupiter und die von der Luftwaffe entwickelte Rakete Thor, sollten nach den bisherigen Plänen in einem Jahr produktionsreif sein. Jetzt will man trotz gewisser Unzulänglichkeiten in der Konstruktion der Brennstoffzuführung und in der Stabilität der Geschosse sofort mit der Produktion beginnen. Sie sollen dann während der laufenden Produktion beseitigt werden. Die militärischen Berater des Präsidenten haben zu diesem kostspieligen Verfahren geraten. Sie meinen, es sei besser, wenigstens einige, wenn auch möglicherweise unzuverlässige Raketen in Vorrat auf den Abschußbasen zu haben als gar keine.