Die Vierzig-Stunden-Woche gehört zu den erklärten Fernzielen der bundesdeutschen Gewerkschaften. Sie lassen keine Gelegenheit vorübergehen, ohne nicht diese Forderung erneut zu bekräftigen. Einiges ist ja auch auf diesem Terrain in den letzten Jahren geschehen. Aber im Streit um das Für und Wider der Arbeitszeitverkürzung haben wir den Blick dafür verloren, wo wir stehen. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, daß die Zukunft auch hier schon begonnen hat...

Ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Statistische Bundesamt seine Erhebungen über Arbeitsverdienste und Arbeitszeiten in der Wirtschaft auf eine erweiterte Basis gestellt. Seit Februar dieses Jahres werden für die Arbeiter in der Industrie nicht nur, wie bisher, die bezahlten, sondern nun auch die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden ermittelt. Unter den "geleisteten Arbeitsstunden" sind die "hinter der Stechuhr" verbrachten Stunden zu verstehen, abzüglich der vereinbarten Ruhepausen (Mittags- und Frühstückspausen). Die "bezahlten Arbeitsstunden" errechnen sich aus den "geleisteten Arbeitsstunden", zuzüglich der bezahlten Ausfallzeiten, wie etwa gesetzliche Feiertage, bezahlte Urlaube oder bezahlte Freizeit aus betrieblichen oder persönlichen Gründen (Betriebsversammlungen, Betriebsausflüge, Arztbesuche, Familienfeiern).

Das Ergebnis dieser erweiterten Arbeitszeit-Statistik ist überraschend. Im Mai dieses Jahres, dem Monat, für den das angefallene statistische Material nach allen erdenklichen Seiten durchgearbeitet (der Fachmann sagt: aufbereitet) worden ist, beitrug die durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit in der Industrie 46,2 Stunden. Das ist die Zahl, die vor einigen Tagen als "Markierungszahl" der Arbeitszeitverkürzungskampagne durch die Presse gegangen ist. Weniger oder gar nicht vermerkt jedoch wurde, daß in diesem Monat im Durchschnitt der Industrie tatsächlich nur 42,1 Stunden gearbeitet wurden. Wenn man dann noch von diesen 42,1 tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden die bei den Erhebungen ebenfalls ermittelten Überstundenzeiten in Höhe von durchschnittlich 1,9 Stunden je Arbeiter und Woche abzieht, dann kommt man zu der bemerkenswerten Zahl von 40,2 Stunden, die als normale Wochenarbeitszeit im Durchschnitt der westdeutschen Industrie von den Arbeitern geleistet wurden.

Gegen diesen Aufmarsch nüchterner statistischer Zahlen läßt sich natürlich manches einwenden. Es sind Durchschnittszahlen, errechnet nur für die in der Industrie beschäftigen Arbeiter. Bei den Angestellten, im Handel, Handwerk und im öffentlichen Dienst dürfte der Arbeitsalltag sich nicht in so erfreulichen Zahlen niederschlagen. Der Monat Mai ist auch insofern wenig repräsentativ, als in ihm zwei bezahlte gesetzliche Feiertage lagen ("Tag der Arbeit" und Himmelfahrt). Aber ganz beiseite schieben kann man diese Zahlen auch nicht; denn schließlich geht es (oder sollte es gehen) hier nicht um großzügigere Entlohnungssysteme, sondern um das Verkürzen der effektiven Arbeitszeiten. Diese liegen, in allen Zweigen der Wirtschaft und wo sonst gearbeitet wird, heute offenbar bereits erheblich niedriger, als wir es uns noch vor zwei oder drei Jahren haben träumen lassen, als mit dieser Aktion begonnen wurde.

Die Vierzig-Stunden-Woche ist kein Fernziel mehr. Sie ist, genaugenommen, schon da, nicht für alle, aber für viele. Die Vorhut hat die Zielmarken bereits erreicht. kr