Tunis, im November

Ich war in einem Land zwischen Krieg und Frieden, an einem brodelnden Unruheherd. In Tunesien wird nicht geschossen wie in Algerien und Marokko. Keine Bombenanschläge werden verübt wie im Mittleren Osten. Keine Europäer verschwinden in einem Hinterhalt. Aber der Besucher gerät unweigerlich mitten in die leidenschaftlichsten unblutigen Auseinandersetzungen.

Als ich in Tunis ankam, hatte sich in den Straßen der Stadt ein stürmisch bewegtes Menschenmeer zusammengeballt. Aber die ehemaligen Herren des Landes, die Franzosen, sah ich nicht, sie hatten sich vorsorglich in ihre Häuser im Europäerviertel zurückgezogen. Diese Demonstrationen nehmen in letzter Zeit an Häufigkeit immer mehr zu. Was ich dort sah, war nicht, wie mancher Neuankömmling vermuten könnte, ein organisierter Aufschrei des Elends und des Hungers, ausgerufen von der ersten selbständigen Regierung in der Geschichte des Landes. Was aus Zehntausenden von Kehlen, rauh und abgehackt, dreisilbig, stundenlang rhythmisch in der Luft schwang, war ein seltsames Begehren. Kein Appell an die reichen Nationen um wirtschaftliche Hilfe! Kein Ruf des Zerlumpten nach einer abgelegten Hose und einem billigen Hemd. Kein Ruf der tunesischen Intelligenz nach Arzneimitteln oder des kleinen Angestellten nach Brot und Butter. Nein, allesamt, alle Berufe, alle Rassen und Mischrassen, Neger, Malteser, Juden, Griechen, Spanier, Italiener, Nomaden brüllten stundenlang nach Kanonen! Sie sahen im Geiste ihr heißgeliebtes Tunesien gespickt mit Waffen aller Kaliber. Ich sah mit Entsetzen, wie ein dreijähriges Kind in tunesischer Uniform mit Holzschießgewehr über die Masse erhoben wurde und darauf ein nicht endenwollender Jubel gegen die grellweißen maurischen Häuser anbrandete.

Ich hatte, während ich spazierenging, die Rede des Ministerpräsidenten Habib Bourghiba gehört. Die Tunesier sind heute ein Volk von Radiohörern. Aus jedem Basar, jedem Rumpelladen, jedem dunklen Torbogen, in dem sich eine Schmiede oder eine orientalische Teppichknüpferei befindet, von überall her redete die Stimme des Ministerpräsidenten auf mich ein.

Später sprach der Minister für Jugend und Erziehung Azouze Rebai. Der Inhalt der Rede drehte sich nur um Waffen. "Wir wollen Waffen! Gebt uns Waffen! Wir werden sie aufnehmen, wo wir sie finden, gleichgültig, wer sie uns hinlegt!" Auf großen Schildern war dieser unheilvolle Wunsch auch in Englisch und Französisch zu lesen. Und daneben immer wieder das Führerbild auf der Stange; in Hunderten von Exemplaren: Tunesiens Ministerpräsident im Großformat! Zur Abwechselung sieht man, sehen zwar, auch das Bild von Abel el Nasser.

Die Amerikaner stehen durch Bourghibas westliche Zuneigung in respektvollem Ansehen. Man schätzt sie als Vertreter der stärksten Nation der Welt.

Die letzten französischen Soldaten schnüren inzwischen ruhig ihr Bündel, brechen die Kasernen ab und hinterlassen einen wertlosen Schutthaufen. "Hauptsache, wir werden sie los", sagen die Tunesier. Aus allen Ämtern sind die Kolonisatoren bereits entfernt worden. Immer mehr Franzosen kehren arbeitslos nach Frankreich zurück und vergrößern das politische Dilemma im Heimatlande.