Wichtig zu wissen und doch zugleich so schwer zu erkennen ist für den Westen, was die Männer im Kreml wirklich denken. In diesen Wochen wird von der BBC eine besonders bedeutende Vortragsreihe des amerikanischen Rußlandkenners George Kennan verbreitet. Es gibt wohl niemanden in der westlichen Welt, dessen Ansichten über Rußland mehr Aufmerksamkeit verdienten als die von Kennan, der während seines ganzen Lebens mit Rußland und lange Jahre auch in Rußland lebte.

Keiner weiß besser als er, wieviel Gewicht man dem historisch-russischen Element in der sowjetischen Politik geben und welche Bedeutung man der importierten marxistischen Ideologie beimessen muß. Niemand auch vermag besser das fatale und immer wieder verwirrende Ineinandergreifen dieser beiden so verschiedenartigen Elemente zu analysieren. Und doch versäumte George Kennan in seinen Vorträgen, die beiden ganz verschiedenen Seiten dieser einen Frage deutlich auseinanderzuhalten, der Frage nämlich: Was glauben Chruschtschow und seine Kollegen wirklich?

Wie Kennan die Frage stellte und beantwortete, lautete sie: Wieviel glauben die Sowjetführer selber von dem unerhörten Blödsinn, den sie über den Westen verbreiten – und wieviel davon ist mit vollem Bewußtsein erlogen? Dabei wies Kennan sehr einleuchtend nach, daß die unablässige Lügerei – wie sie ja von Lenin (in etwas wissenschaftlicheren Worten zwar) ganz offen als wichtiges Instrument der Politik angepriesen wurde – die Fähigkeit der Politiker im Kreml, objektive Tatsachen zu erkennen und sachlich zu würdigen, hoffnungslos zerstört hat.

Die Informationen, so zeigte Kennan, die die Sowjets über die Stimmungen, Einstellungen und Motive der westlichen Regierungen und Völker erhalten, werden schon an der Quelle gefärbt und auf ihrem weiteren Wege dann immer mehr entstellt. Und das einfach deswegen, weil die sowjetischen Diplomaten und Nachrichtenagenten von Jugend auf geschult sind, alle Dinge unter einem marxistisch-leninistischen Blickwinkel zu sehen, der die Wirklichkeit immer verzerrt erscheinen läßt.

Weiter sagt Kennan, es stimme zwar, daß Chruschtschow häufig aus Propagandagründen vorsätzlich und bewußt lüge; aber noch häufiger käme es vor, daß er nicht wisse, ob er nun eigentlich lüge oder nicht. So rede er sich mancherlei ein, was nicht wahr ist und dessen Unrichtigkeit jeder nur allzu leicht erkennen könne, dem es noch möglich sei, politische Tatsachen mit unverstelltem Blick zu betrachten.

Soweit hat Kennan ganz sicher recht, und er hat auch recht, wenn er darauf hinweist, wie niederdrückend und bedrohlich eine Situation ist, in der die raffinierten Meister der Propaganda zugleich auch die ersten Opfer dieser Propaganda werden.

Hätte Kennan indes seine Folgerungen nicht nur auf die außenpolitische Einstellung der Sowjets, sondern auch auf die innenpolitische Situation in Rußland bezogen, dann hätte er, meine ich, doch wohl einen Hoffnungsschimmer entdecken können. Daß Chruschtschow sehr viel (wenn auch nicht alles) von dem Unsinn selber glaubt, den er über den Kapitalismus und den Westen daherredet, ist ganz ohne Frage insofern gefährlich, als ihn dieses falsche Bild dazu bringen könnte, auch falsche Entschlüsse zu fassen – Entschlüsse, die möglicherweise sogar zu einem Kriege führen.