Bundeskanzler Adenauer und Oppositionsführer Ollenhauer trafen sich zu einem 90-Minuten-Gespräch im Amtssitz des Bundeskanzlers. Nach der Unterredung äußerte der Chef der Opposition, die Unterhaltung sei informativ für ihn gewesen, man habe über die internationale Situation und insbesondere auch über die bevorstehende NATO-Konferenz gesprochen. In Bonn wird dem Gespräch viel Bedeutung beigemessen. Nach der Bereinigung der Wehner-Affäre und dem Besuch der dreiköpfigen SPD-Delegation bei Verteidigungsminister Strauß, ist diese Zusammenkunft ein weiterer Schritt auf dem Wege zu einer entspannteren Atmosphäre in der Bundeshauptstadt.

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Heuss In Rom und Brentano In Washington. Zu einem mehrtägigen Staatsbesuch hielt sich der Bundespräsident in der italienischen Hauptstadt auf. Professor Heuss konnte die Sympathien auch der Kreise für sich gewinnen, die bisher dem Nachkriegsdeutschland abwartend gegenübergestanden hatten. Mit einer Kranzniederlegung in den Ardeatinischen Höhlen am Buß- und Bettag ehrte der Bundespräsident die 336 Italiener, die an dieser Stelle 1944 als Geiseln erschossen worden waren. Brentano flog von Rom zu einem kurzen Besuch nach Washington. Die Besprechungen mit Außenminister Dulles galten der Vorbereitung der kommenden NATO-Konferenz. Mit dem ungewöhnlich kurzen Kommuniqué soll offenbar vermieden werden, daß so kur: vor Beginn der NATO-Konferenz noch allzuviel über die bestehenden Pläne in die Öffentlichkeit dringt.

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Ohne Titos Unterschrift blieb das Abschlußkommunique der Moskauer Beratungen der kommunistischen Parteien aus 12 Ländern, In dem Schriftstück wird die "friedliche Verwirklichung des Sozialismus" und das Erlangen der Staatsmacht ohne Bürgerkrieg empfohlen. Die westlichen kommunistischen Parteien sollen nach Möglichkeit Volksfrontregierungen mit den Sozialisten bilden.

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Der britische Premierminister Macmillan kam zusammen mit Außenminister Selvyn Lloyd zu einem kurzen Besuch in die französische Hauptstadt. Äußerer Anlaß zu dieser Reise waren die Unstimmigkeiten zwischen England und Frankreich in der Nordafrikapolitik. Macmillan drückte seinem französischen Kollegen gegenüber die Besorgnis der Briten in der algerischen Entwicklung aus und trat für eine friedliche Lösung dieser Frage ein, Auf der anderen Seite gaben die Engländer die Zusage, keine weiteren Waffen mehr an Tunesien zu liefern. Beobachter in Paris glauben, daß die wahren Gründe für die britisch-französischen Meinungsverschiedenheiten sehr viel tiefer liegen. Die deutlich, sichtbare Tendenz, die anglo-amerikanischen Bande fester zu knüpfen, erzeugt, jedenfalls in Frankreich, sehr viel Bitterkeit und Mißtrauen gegenüber dem Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals.

BHE-Krach. Der schon lange Zeit währende Konflikt zwischen der BHE-Landesleitung in Schleswig-Holstein und der Landtagsfraktion in Kiel hat sich weiter zugespitzt. Der Fraktionsvorsitzende Dr. Kiekebusch und sein Stellvertreter von Herwarth, die sich trotz wiederholter Aufforderung durch den Parteivorstand mehrfach geweigert hatten, von ihren Posten zurückzutreten, wurden auf einer Sitzung des Landesparteivorstandes in Neumünster aus der Partei ausgeschlossen. Sofort stellte sich die gesamte Fraktion, mit Ausnahme des früheren Sozialministers und Landesparteivorsitzenden Asbach, hinter die beiden Abgeordneten. Noch ist offen, ob nunmehr sämtliche Abgeordnete aus der Partei ausgeschlossen werden. Diese Vorfälle bilden ein weiteres Kapitel in der akuten Krise der kleinen Parteien in der Bundesrepublik. Sirius, 28.11.1957