Von Eka v. Merveldt

Jeder kann sich jetzt in Athen davon überzeugen, daß die Angaben Homers stimmen. Sage ist Wirklichkeit geworden. Die schwärmenden Worte, mit denen er um 900 v. Chr. die Burgen der mykenischen Helden besang, galten jahrhundertelang als goldene Blüten dichterischer Phantasie: "Wie der Sonne Glanz umherstrahlt oder des Mondes, strahlte der hohe Palast... Wie es glänzt in der hallenden Wohnung, auch das Gold und Elektron (Bernstein), das Elfenbein und das Silber! Welch ein unendlicher Schatz! Mit Staunen erfüllt mich der Anblick!"

Genauso staunte ich, als ich jetzt, zum zweitenmal von Kreta kommend, in das Nationalmuseum eintrat. In dem neueröffneten, weiten mykenischen Saal (er wurde im griechischen Bürgerkrieg zerstört und nun wieder aufgebaut) wird der ganze üppige Schatz aus der Argolis in so reicher und blendender Schau dargeboten wie noch nie.

In diesem herrlichen Museum ist die Antike nicht museal. Sie erscheint uns von so aktueller Lebendigkeit wie das gegenwärtige Dasein. Spontane Regungen werden im Beschauen wach, die über das Ästhetische hinaus stärkende sittliche Wirkungen haben. Am unmittelbarsten sind die Empfindungen, wenn wir die zeitlich uns am weitesten entfernten archaischen Jünglinge und Frauen betrachten. Ihre souveräne, aber nicht anmaßende, dabei heitere Haltung zeugt von musisch entwickelten, nicht einseitig politischen, nicht einseitig religiösen Menschen in vollendeter Ausgewogenheit, wie sie heute nicht mehr dargestellt werden – vielleicht weil sie nicht mehr vorhanden sind.

Auch der neue mykenische Saal im Nationalmuseum, der von Kabinetten mit den frühen Idolen und Gebrauchsgegenständen der Stein- und Bronzezeit umgeben wird, ist kein Friedhof der Kunstwerke und der Geschichte, sondern eine Stätte, an der jeder die frühesten Anfänge europäischer Kultur erkennen und damit den Ursprüngen seiner eigenen Existenz nachgehen kann.

Erregend wirkt nicht nur der goldene Glanz, der hier mit raffinierten und dennoch verhaltenen Mitteln moderner Ausstellungskunst zur Geltung gebracht wird, sondern die edle, sinnvolle Form und Kostbarkeit der zusammengetragenen Gebrauchsgegenstände, die Schliemann und sein Nachfolger in den Schachtgräbern fanden.