Als Zwanzigjähriger radelte ich von Hannover zum Steinhuder Meer, um den Chronisten ländlicher Ereignisse, den Dichter: Frank Thieß, als genius loci seines damals jüngsten Romans anzutreffen.

Johanna und Esther, eine Chronik ländlicher Ereignisse" hieß das Buch, das wenig später, im Jahre 1933, verboten wurde. Erinnere ich mich recht, so trug an meiner Enttäuschung, als ich den Saum des Steinhuder Meeres umfuhr, nicht die Landschaft schuld, sondern der Umstand, daß die schwirrenden Dissonanzen des Eros, die in dem Buch von Thieß nixen- und dryadenhaft aus Moor und Busch tönten, im Angesicht der Wirklichkeit so unglaubhaft anmuteten, daß ich mich der eigenen Nachempfindung ein wenig schämte.

Sehr verwandelt, umgeformt und erweitert tritt mir der Roman jetzt ein zweites Mal entgegen:

Frank Thieß: "Gäa"; Paul Zsolnay Verlag, Hamburg und Wien; 520 S., 22,– DM.

Thieß schreibt im Nachwort: "Mit dem neuen Titel ‚Gäa‘ lege ich dem Leser nicht die alte Fassung, sondern eine neue und endgültige vor, bei der es mir neben dem Umbau der Kompositionsform darauf ankam, das Thema des Romans herauszuarbeiten."

"Kompositionsform" und "Thema" deuten auf musikalische Behandlungsweise. "Thema" und "Variationen" heißt es in den zwei Kapiteln "Über die Fruchtbarkeit". Mit dem "Lied eines Mädchens" hebt der Roman an, mit dem "Lied der Mütter" schließt er. Gewidmet ist er dem Gedächtnis von Wilhelm Furtwängler, und der Geigenvirtuose Alfons Caserta spielt darin eine thematisch wichtige Rolle.

Da Thieß darauf ausging, das "Thema" des Romans herauszuarbeiten, so muß das Mißverhältnis zwischen ländlich realistischem Genre und mythischer Aura, das bereits in der ersten Fassung angelegt war, jetzt noch deutlicher werden.