Von Kurt Wendt

Wie schlecht es den Reedereien der deutschen Hochseefischerei geht, hat das Beispiel der Cranzer Fischdampfer AG, Hamburg-Cranz, gezeigt, die im vergangenen Jahr ihre Verluste nur durch eine Herabsetzung des Aktienkapitals decken konnte und die im Laufe dieses Jahres bei einem wieder auf eine Million DM erhöhten AK in den ersten elf Monaten einen Bilanzverlust von rund 0,7 Mill. DM erlitten hat. Unter diesen Umständen wäre eine Liquidation der Gesellschaft unabwendbar geworden, wenn nicht – wirklich in letzter Stunde – die Hamburger Behörden mit Staatsmitteln eingesprungen wären. Es ist sicher, daß auch in den Büchern der anderen Fischdampfer-Reedereien mit roten Zahlen gearbeitet wird und daß sie bereits an ihre Gläubiger herantreten mußten, um eine Verschiebung der zum Jahresende fälligen Zins- und Tilgungsbeträge zu erreichen. Da jedoch die meisten Reedereien nicht in Form einer Aktiengesellschaft betrieben werden, sie also zur Offenlegung ihrer Bilanzen nicht verpflichtet sind, bleiben ihre Verluste der Öffentlichkeit verborgen.

Auf welche Weise ist es nun zu der Krise gekommen? Wie immer in solchen Fällen, so spielen auch hier mehrere Faktoren eine Rolle, deren Zusammenwirken letzten Endes das Tor zur Katastrophe aufgestoßen hat. Da sind zunächst einmal die Kosten. Reeder Pickenpack, der übrigens jetzt in den Vorstand der Cranzer Fischdampfer AG eingetreten ist, hat sie am Kohlepreis erläutert. Für einen seiner Dampfer hat er im Jahre 1939 für 36 000 RM Kohle kaufen müssen; für ein Schiff gleicher Größe brauchte er 1950 schon 92 000 DM und 1956 (also noch vor der jüngsten Kohlepreiserhöhung) hat er 217 624 DM ausgeben müssen. Nun läßt sich einwenden: die Fischpreise sind ja auch gestiegen! Aber der Anteil der Kohlekosten machte 1938 nur 15 v. H. der Einnahmen aus; er stieg in diesem Jahr auf 32,95 v. H. Natürlich sind die übrigen Kostenfaktoren auch gewachsen. Die Rentabilitätsrechnung geht also nicht mehr auf. Rechnerisch sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres durch Minderfänge und durch Preisverfall in der Hochseefischerei Verluste von etwa 16 Mill. DM eingetreten. Der Durchschnittsverlust je Fischdampfer beträgt danach knapp 80 000 DM.

Es ist verständlich, daß die mittelständischen Reedereien, die ihre Flotte nach dem Kriege mit – wie sich jetzt herausstellt – zu geringen Eigenmitteln gebaut haben, als erste ihre Flagge streichen müssen, während die Großreedereien, zumal wenn sie über Konzernbeziehungen verfügen, einen längeren Atem haben. Die ungleiche Ausgangslage dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, daß es so lange gedauert hat, bis innerhalb der Fischwirtschaft eine Einigung über die zu beantragenden Marktstützungsmodalitäten erzielt worden ist. Nunmehr, da auch die "Großen" mit roten Zahlen im Fangbereich arbeiten cürften, sind die Aussichten auf ein einheitliches Vorgehen besser geworden. Ob allerdings der Antrag auf Erhöhung der Mindestpreise in seinem vollen Umfang die Billigung in Bonn finden wird, ist noch ebenso zweifelhaft wie der Zeitpunkt, zu dem die neue Regelung in Kraft treten wird.

Mindestpreise haben stets einen peinlichen Beigeschmack, für den jedenfalls, der sie bezahlen soll, also für den Verbraucher. Aber es scheint so, daß die Fischpreise gar nicht in den Himmel wachsen können. Wie die Fischereiexperten erklären, orientieren sich die Verbraucherpreise für Fisch an den Preisen der Grundnahrungsmittel. Wenn das stimmt, und man kann diese Feststellung kaum bezweifeln, dann ist damit ein Ritsel gelöst, das dem Verbraucher immer dann Kopfzerbrechen macht, wenn er von Riesenanlandungen auf den Fischmärkten und niedrigen Auktionserlösen liest, aber die Ladenpreise – abgesehen von einigen Sonderfällen – keineswegs spürbar nachgeben. Der Preis für Fisch richtet sich eben nicht nach den Kosten, sondern nach den Preisen für Fleisch, Wurst und andere Lebensmittel. Man kann deshalb gespannt sein, ob die neuen Mindestpreise zu Lasten der Verbraucher oder der viel gelästerten Handelsspannen gehen werden.

Keine Mindestpreisregelung kann selbstverständlich die ungünstigen Fangergebnisse aus der Welt schaffen, die auf die schlechte Laune Poseidons zurückzuführen ist. Ein schlechtes Fangergebnis stellt das Unternehmerrisiko dar, das der Reeder nun einmal zu tragen hat, das er aber nur tragen kann, wenn ihm erlaubt ist, in guten Zeiten auch einmal Reserven zu bilden. Das war bislang bei den mittelständischen Reedereien, die auf keine eigene Absatzorganisation zurückblicken konnten, nicht möglich. Ist das aber Grund genug, der Hochseefischerei innerhalb der Marktwirtschaft eine Sonderstellung einzuräumen? Die Fischerei sagt ja. In den ersten Jahren nach der Währungsreform, als die Devisendecke in der Bundesrepublik nicht hin und nicht her reichte, hat der Staat sie zum Ausbau ihrer Fangflotten ermuntert. Die Alliierten erlaubten damals jedoch nur Typen, von denen man wußte, daß ihre Rentabilität von vornherein nicht sonderlich gut sein-würde. Die Reeder bauten, weil sie annahmen, der damals brennend interessierte Staat würde später ein Teil des Risikos mittragen. Das war, jedenfalls bisher, eine Fehlspekulation. Darüber ist die Fischerei verstimmt. Sie meint: wenn Hilfe für die Landwirtschaft, dann auch Unterstützung für die Fischerei. Beide sichern die Ernährungsbasis in Notzeiten. Gegen diese These läßt sich nur schwer argumentieren.

Im Fall Cranzer Fischdampfer AG also ist der Hamburger Staat jetzt mit einem unverzinslichen Darlehen von 0,4 Mill. eingesprungen und hat die Bürgschaft für weitere 0,6 Mill. übernommen. Damit ist die Rentabilität der Gesellschaft natürlich noch nicht wiederhergestellt. Das war auch nicht der Grund für das Eingreifen, das auf Initiative des SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Helmut Kern zustande gekommen ist, der auch in den Aufsichtsrat der Reederei gewählt wurde. Das Geld wurde gegeben, um die sieben Dampfer der Cranzer Reederei dem Hamburger Fischmarkt zu erhalten. Im Falle der Liquidation wären sie nach Bremerhaven abgewandert, denn ein durchaus akzeptables Kaufangebot der zum Unilever-Bereich gehörenden "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei AG lag vor. Mit dem Verlust dieser Schiffe hätte sich die Anlandekapazität des Hamburger Marktes gefährlich verringert, und wahrscheinlich hätte er der Anfang vom Ende des Fischmarktes in der Hansestadt bedeutet. Insofern war es eine kommunalpolitische Aktion, die zur Rettung der Reederei geführt hat.

Die zur Verfügung gestellten Mittel sollen auf Wunsch der Hamburger Behörden nicht in ein Faß ohne Boden geworfen werden. Sie sollen vielmehr die Koordination der hamburgischen mittelständischen Hochseefischereien erleichtern, offensichtlich mit dem Ziel, später auch eigene Absatzorganisationen zu schaffen, um einen Gewinn- und Verlustausgleich – genau wie bei den Großreedereien – zu erreichen. Der erste Schritt ist getan. 51 v. H. des AK der Cranzer Fischdampfer AG wurde von einer Gruppe am Hamburger Fischmarkt interessierter Firmen erworben (die Werft H. C. Stülcken Sohn und die Schlesw. Holst. Westbank traten Aktien zum Kurs von 45 v. H. ab). Mit Hilfe der neuen Gruppe – infolge ihrer personellen und finanziellen Bindungen untereinander – ist praktisch der koordinierte Einsatz der Hamburger Fischdampferflotte (etwa 34 Schiffe) ermöglicht. Das erlaubt einen rationelleren Betrieb als bisher, weil viele kostspielige Landbetriebe (Ausrüstung, Reparaturwerkstätten, Heuerstellen) zusammengelegt werden können. In Hamburg ist ein wesentlicher Schritt zur Zusammenarbeit mittelständischer Betriebe gemacht worden, die nunmehr ein Gewicht erhalten, mit dem sie sich gegen die großen finanzstarken Gruppen wahrscheinlich besser behaupten können als in der Vergangenheit.