In dem Artikel "Hilfe für Entwicklungsländer", den Professor Erhard in Nr. 49 der ZEIT veröffentlicht hat, wurde die politisch, wirtschaftliche und soziale Problematik solcher Hilfsaktionen ausführlich abgehandelt. Abtr auch die finanzielle Seite der Angelegenheit hat eine große Bedeutung. Es trifft sich nun recht glücklich, daß Herr Alfried Krupp vor einiger Zeit, in einer Ansprache, die er auf der Konferenz internationaler Geschäftsleute in San Franziska gehalten hat, gerade für die organisatorische und finanzielle Praxis der "Entwicklungshilfe" mannigfache Anregungen gegeben hat. Aus seiner Rede, die uns im Wortlaut vorliegt, veröffentlichen wir im folgenden die hierauf bezüglichen Stellen.

Alfried Krupp, einer der Sprecher auf der von Henry R. Luce gemeinsam mit dem Stanford Research Institute kürzlich in San Franzisko veranstalteten internationalen Konferenz, vertrat einen dem Tagungsort angemessenen wohltemperierten Optimismus, als er einleitend erklärte, daß unsere wirtschaftlichen Probleme von heute zwar komplizierter geworden seien – im Vergleich zu jener Zeit nämlich, als der amerikanischeWesten selber, als frontier area, ein "Entwicklungsgebiet" war –, daß wir mittlerweile aber auch "über genauere Kenntnisse, mehr Erfahrungen und bessere Werkzeuge verfügen, um an Entwicklungsaufgaben – ganz gleich in welchem Teil der Welt – heranzugehen". Das sei, so führte er weiter aus, insbesondere den großen internationalenOrganisationen zu danken, die hier am Werke sind, wie etwa der Organisation der UN einerseits und der International Bank for Reconstruction and Development – uns geläufiger unter dem Namen "Weltbank" – andererseits. Ein Teil der Firianzierungshilfe, die den Entwicklungsländern zugedacht sei, müsse durch direkte staatliche Beihilfen aufgebrachtwerden, wie sievon denMitgliedern der "Weltbank" und der vor kurzem gegründeten Internationalen Finanz-Corporation in einer ganzen Anzahl von Fällen – besonders für den Ausbau von Verkehrswegen und Wasserkräften – verfüglich gemacht worden seien: zumeist neben und zusätzlich zu den Mitteln, die im Rahmen des Auslandshilfeprogramms der USA gegeben worden sind.

Diese "Basishilfe" ist, nach der Auffassung Alfried Krupps, eine Angelegenheit staatlicher Instanzen. Hierbei werden (in der Regel) Auslandskredite "zu günstigeren Bedingungen zur Verfügung gestellt werden müssen, als es den Verhältnissen auf den freien Kapitalmärkten entspricht" – auch, um "massierte Rückzahlungsverpflichtungen" zu vermeiden, aus denen leicht Zahlungsbilanzschwierigkeiten für die betreffenden Länder entstehen würden. Aber alles, was darüber hinaus an wirtschaftlicher Entwicklungshilfe zu leisten wäre, sollte nach Ansicht Alfried Krupps "soweit wie möglich auf eine privatwirtschaftliche Basis gestellt werden." Das ist auch, wie er ausführte, die Ansicht des FairlessReports und der neuen Foreign Aid Bill in den USA, die sich beide dafür aussprechen, daß mit dem System der "verlorenen Zuschüsse" allmählich ein Ende gemacht werden soll. Soweit noch eine "Basishilfe" weiterhin zu leisten sei, werde sie am besten über die "Weltbank" abzuwickeln sein, die über den eingespielten Apparat hierfür und einen reichen Erfahrungsschatz verfügt; diese Art der Finanzierung hat zudem den Vorteil, daß die Kapitalien, bei ihrer Leitung über eine als neutral anzusehende Instanz ihren nationalen und damit ihren politischen Charakter verlieren: das Empfängerland kann also nun dort einkaufen, wo es ihm am vorteilhaftesten erscheint, ohne irgendwelche politische oder wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber Kreditgebern oder Lieferanten. Hierfür gibt es allerdings, wie Alfried Krupp ausführte, ... noch eine andere Möglichkeit. Sie besteht darin, daß die Regierungen das Geld über private Banken und andere Finanzinstitute leiten, die dann ihrerseits ausländischen Unternehmen (oder Regierungen) Kredite zu tragbaren Zinssätzen einräumen könnten, oder die so in die Lage versetzt würden, die Zinssätze für ihre eigenen Ausleihungen zu ermäßigen. Wir haben, auf Grund unserer eigenen Erfahrungen, besonders die Bildung von internationalen Finanzierungs- und Lieferkonsortien vorgeschlagen. Wir meinen, daß eine Organisation von der Art der Big Six Companies, die den Hoover- und den Grand-Coulee-Staudamm bauten, ein nützliches Beispiel privatwirtschaftlichen Wirkens auf internationaler Basis darstellen würde."

Freilich sollte man sich darüber klar sein – so führte Alfried Krupp weiter aus –, daß "in unserem freien Wirtschaftssystem durch öffentliche Finanzhilfen nur ein Teil des Investitionsbedarfs der Entwicklungsländer zu decken ist", daß also das Kapital für solche Investitionen zum wesentlichen Teil aus den privaten Kapitalreserven der Industrieländer – der "reicheren Länder" – kommen müsse. "Brauchbare Methoden" hierfür müßten noch entwickelt werden: eine einfache und umfassende Lösung des Problems, die Verbindung zwischen den Kapitalmärkten der Industrieländer einerseits und den investitionswilligen (privaten oder staatlichen) Unternehmungen in den Entwicklungsländern andererseits herzustellen, sei "heute noch nicht in Sicht". Als ein praktischer Vorschlag für die Lösung des Problems kommt vorläufig wohl nur in Frage, daß "die (beiderseitigen) Regierungen wesentlich zur Normalisierung des Kapitalverkehrs beitragen könnten, indem sie die Risiken des Kapitalexports mindern: insbesondere durch die Garantie einer ordnungsgemäßen Verzinsung und Rückzahlung. Eine gemeinsame Aktion der Exportländer, etwa in der Form einer internationalen Garantiegemeinschaft, würde nicht nur einen stärkeren Rückhalt schaffen, sondern auch die Bildung internationaler Bankgruppen und Investitionsfonds fördern und deren Arbeit erleichtern."

Soweit die Darlegungen Alfried Krupps vor dem internationalen Forum von San Franzisko. Es will uns so scheinen, als ob der Sprecher, als er betonte, daß "eine einfache und umfassende Lösung" der aufgeworfenen Probleme "heute noch nicht in Sicht" sei, es mit der Bescheidenheit ein wenig übertrieben habe: tatsächlich sind von ihm ja mannigfache Ansätze für solche Lösungen gegeben worden, indem zwischen der "Basishilfe" durch staatliche Mittel und der vornehmlich durch private Initiative durchzuführenden eigentlichen "Aufbauhilfe" klarer als bisher unterschieden wurde, und indem für die Durchführung der "Aufbauhilfe" mannigfache Methoden internationaler Partnerschaft – abgestützt durch staatliche Vertragshilfen und Garantien – empfohlen worden sind. Die Entpolitisierung und (auch!) Entbürokratisierung der wirtschaftlichen Hilfe für die Entwicklungsländer, die derart erreicht werden könnte – ihre Kommerzialisierung, um es mit einem Wort zu sagen –, ist nicht nur wünschenswert, sondern geradezu notwendig, um künftig mancherlei Fehlleitungen von Kapital und von Arbeitsaufwand zu vermeiden, wie sie unter den bisherigen politisch bedingten Hilfsverfahren leider immer wieder aufgetreten sind, weil die Beteiligten ihre Planungen mehr an technischen Wünschbarkeiten als an den wirtschaftlichen Möglichkeiten orientierten und dabei zu einer Überdimensionierung der Anlagen kamen, die dann, nach ihrer Fertigstellung, weder hinreichend gewartet noch ökonomisch richtig ausgewertet werden konnten. E. T.