Von Marianne Regensburger

Weniges ist so kennzeichnend für unsere Zeit wie Berichte aus der Gefangenschaft, aus irgendeiner Gefangenschaft, die mit schrecklicher Regelmäßigkeit auf dem Büchermarkt des Teiles unserer Welt erscheinen, in dem das Lager oder die Zelle noch nicht zum möglichen Erlebnisraum eines jeden geworden ist.

Solche Berichte werden zumeist als Sensationen angepriesen. Doch sollten wir uns allmählich dariber klarwerden, daß sie gerade das nicht sind, laß ihnen das Sensationelle darum abgeht, weil Hunderttausende das Schicksal erleiden, das sie beschreiben. Der Lagerinsasse ist eines der typischen Menschenbilder unserer Epoche geworden. Doch nimmt diese Feststellung dem Buch, von dem hier die Rede ist,

Eva Müthel: „Für dich blüht kein Baum.“ S. Fischer Verlag, Frankfurt. 305 S., 13,80 DM, nichts von seinem Wert und seiner Besonderheit.

Eva Müthel und ihr Mann waren Studenten in der sowjetischen Besatzungszone. 1948 wurden sie, weil sie ihrem Mißfallen an der bestehenden Ordnung durch die Teilnahme an einer Flugblatt-Aktion Ausdruck gegeben hatten, vom MWD verhaftet und wegen antisowjetischer Propaganda und Spionage zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Sechs von diesen 25 Jahren saßen sie in von den Nationalsozialisten übernommenen Konzentrationslagern und in Zuchthäusern der Zone ab. Auf Grund einer Amnestie anläßlich der Berliner Viererkonferenz wurden sie im Januar 1954 vorzeitig entlassen.

Eine Geschichte wie – leider – viele. Bemerkenswert ist aber die Art, wie die Autorin sie erzählt. Es läßt sich darüber streiten, ob Eva Müthel einen Roman geschrieben hat, wie es der Titel verkündet. Mir erscheint das Buch eher als eine Reportage, die Gefühlslagen, heimlichste Reaktionen und Gedanken ebenso festzuhalten weiß wie die kleinen Einzelheiten aus dem täglichen Leben in Gefangenschaft; eine Reportage, der es gelungen ist, jene Benommenheit wiederzugeben, die jeder kennt, der einmal erfahren hat, daß das am meisten Gefürchtete stets eintritt, sich selber noch übertrifft und dennoch überwunden werden muß.