Das Land der silbernen Farbtöne, wie Nietzsche das Oberengadin nannte, ist ein Stück Land wie zur Freude der Menschen geschaffen. In 1800 Meter Meereshöhe gelegen, versteckt in einem kleinen Seitental, liegt auf einer windgeschützten Terrasse wohl das prachtvollste Dörfchen der Schweiz: Pontresina. Weil das begehrte Skigelände um den Berg Diavolezza von den Verkehrswegen des Tourismus so weit entfernt liegt, konnte Pontresina bis in unsere Tage noch viel von seiner Unberührtheit bewahren. Mit seinen kleinen Pensionen bietet es einen von vielen Besuchern geschätzten Kontrast zu den Hotelpalästen von Arosa und St. Moritz.

Nur eine Seilbahn auf die Diavolezza gemahnt an unsere technische Zeit. Mitten hinein in die riesigen Schnee- und Gletscherfelder der Bernina führen die Kabinen steil hoch in 3000 Meter Höhe. Von Muottas Muragl, dem unvergleichlich gelegenen Hausberg des Tales, reicht der Blick über den Piz Albris bis zu den eisigen Wänden des Piz Palü, zu dessen Füßen der mächtige Bergrücken der Diavolezza den Ausgangspunkt für eine der schönsten und längsten Skiabfahrten der Alpen bildet: für den zehn Kilometer langen Engadiner-Gletscher-Boulevard. Über 50 – Skitouren auf fast ebenso viele Gipfel der Bernina-Gruppe machen dieses versteckte Tal von Pontresina zum Traumland der Skiläufer.

Man fühlt sich in Pontresina aber auch nicht verlassen, wenn man auf den Brettern zu stehen oder gar sich zu bewegen nicht gelernt hat. "Curie dich gesund!" findet man auf die Nachttischdecke gestickt; den gleichen Rat erteilt mehrmals täglich – ungefragt und gratis – der Ober im Hotel, und wer es dann noch nicht glaubt, der sollte doch einmal dem geschäftigen Treiben auf einem solchen Miniatureisplatz zusehen. Da fegen Generaldirektoren in höllischem Tempo und mit großem Eifer mit kleinen Besen die Eisbahn zum "Haus", dem Ziel, frei, und Lehrerinnen, fern von ihren Schulen, beweisen auch hier ihr pädagogisches Talent und, belehren als Mannschaftsführer (Skip) einer Curlinggruppe jeden Anfänger über Out- und Inhandle (Rechts- oder Linksdrehung) des bettflaschenähnlichen Curlingsteines. So mancher hat sich von der Eleganz, mit der geübte Curler ihre Steine zu handhaben verstehen, täuschen lassen und sah sich von dessen unerwartetem Gewicht (bis zu 20 Kilogramm) aus dem Gleichgewicht gebracht.

Der hohe Kranz der Drei- und Viertausender und die sonnige Lage des Tales machen Pontresina im Winter zu einem fröhlichen und so gesunden Tummelplatz in den Alpen, daß jeder, der dort hinfährt, auf seine Kosten kommt. R. K.