Gewiß, Rußland ist groß, vielgestaltig und faszinierend, und wer es sich leisten kann, es wieder, endlich wieder, als Reisender zu besuchen, sollte das tun. Nichts ist dagegen zu sagen, mit einer Ausnahme: Intourist, das einzige, den internationalen Reiseverkehr in die Sowjetunion verwaltende sowjetische Reisebüro, bietet dem Reisenden nur festgelegte Routen. Der Schritt vom Wege ist nicht erlaubt. Die neuesten dieser Wege, die Intourist uns öffnet, führen nach Sibirien, ausgerechnet Sibirien. Dorthin hat schon zu viele ein bitterer Weg geführt, von dem nur wenige die Rückreise antreten sollten. Und von diesen wenigen haben viele das Lachen verlernt. Wenn man das vergessen könnte, wäre Sibirien genauso interessant wie irgendeine Landschaft des Roten Reiches. Aber, man kann es nicht vergessen.

Was also ist der Zweck dieses neuen Ansinnens der sowjetischen Reisebürokratie? Sollen wir uns etwa überzeugen, daß es auf allen drei angebotenen Strecken keine Zwangsarbeitslager zu sehen gibt? Das wäre unnötig, denn jene Orte, an denen die Diktatur das Menschentum schändet, werden, wie jedermann bekannt, natürlich in keinem Reiseprogramm des Intourist gezeigt. Oder ist es eine beabsichtigte Demütigung? Eine joviale Drohung? Etwa in dem Sinne: Ihr könnt euch heute schon ansehen, wo ihr nach dem Sieg des Weltkommunismus bleiben werdet. Als Alternative dazu bleiben nur noch Mangel an Phantasie oder politische Ungeschicklichkeit übrig, die man gerade den Sowjets am wenigsten zutrauen möchte. Sie mögen so viele Touristen nach Sibirien einladen, wie sie wollen. Die Reisenden mögen mit noch so vielen und imposanten Eindrücken zurückkehren. Im Bewußtsein Europas wird Sibirien dennoch auf Jahrzehnte hinaus das Land bleiben, from whose bourns no Traveller returns. "Das Land, von dessen Grenzen niemand wiederkehrt", so nannte Shakespeares Hamlet in seinem großen Monolog den Bereich des Todes. Lädt Intourist uns ein, uns darüber hinwegzutäuschen, indem es ein paar isolierte Straßen freigibt?

-sen