Die großen Staatsmänner der westlichen Welt hatten schon begonnen, ihre Koffer für die Fahrt nach Paris zu packen, da ließ ihnen der Kreml als kleine Aufmerksamkeit noch eine Reiselektüre überreichen: Briefe des sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin. Dieser Politiker nun ist, wie sich zeigte, ein höflicher Mann, denn er verschickte keineswegs gleichlautende Texte – wo er doch allen sozusagen die gleiche Sache vorzuschlagen hatte: eine kernwaffenfreie Zone in Mitteleuropa. In dem Schreiben an den amerikanischen Präsidenten Eisenhower lautet die entscheidende Stelle (laut TASS) so:

Vereinbaren wir zusammen mit der Regierung Großbritanniens, daß der Lagerung jedweder Arten von Kernwaffen auf dem Territorium Deutschlands – des westlichen wie des östlichen Deutschlands – abgesagt wird. Wenn dieses Abkommen durch eine Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik auf Absage an die Erzeugung von Kernwaffen und an die Lagerung solcher Waffen in Deutschland ergänzt wird, so werden, wie die Regierungen Polens und der Tschechoslowakei bereits amtlich erklärt haben, diese Staaten gleichfalls keine Kernwaffen auf ihrem Territorium erzeugen oder lagern.

In dem Brief an den deutschen Bundeskanzler Dr. Adenauer aber liest man:

Wenn die UdSSR, die USA und Großbritannien übereinkommen, ihre Kernwaffen auf dem Territorium Deutschlands nicht zu stationieren, und die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik die Maßnahmen dazu treffen, daß in Deutschland keine Atomwaffen sind, weder deutsche noch fremde, so sind die Regierungen Polens, der Tschechoslowakei in diesem Falle bekanntlich auch bereit, Verpflichtungen zu übernehmen, auf den Territorien ihrer Länder solche Waffen weder zu produzieren noch zu stationieren.

Darf man denken, daß es der gleiche Vorschlag sei, nur jedesmal ein wenig anders formuliert? Der gleiche Vorschlag? In dem Brief nach Bonn wird davon gesprochen, daß die beiden Teile Deutschlands Maßnahmen treffen; in dem Brief nach Washington aber heißt es, daß eine Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik getroffen werden solle.

Wie nun: Maßnahmen oder Vereinbarungen? Bonn und Pankow, beide für sich? Oder: Bonn und Pankow, beide gemeinsam?

Kann es sein, daß alles dies nur eine Frage des abwechslungsreichen Stils ist? Wir Deutschen – ob diesseits oder jenseits der Elbe – können nicht erwarten, daß Ministerpräsident Bulganin einen neuen Brief schreibt und erklärt, welches der beiden Wörter gelten soll: "Maßnahmen" oder "Vereinbarung". Wissen aber müssen wir es, damit uns klar wird, woran wir sind. H. G.