W. K., Hildesheim

Als das grausige Geschehen, das sich am Vormittag des 14. August 1956 in der Schillerstraße 62 zu Wolfsburg, der Wohnung des 42jährigen Frauenarztes Dr. Gerhard Brennecke abgespielt hatte, in der Öffentlichkeit bekannt wurde, war das Entsetzen groß. Hier hatten

vier nahe miteinander verwandte Menschen – die Ehefrau, die Tochter, der Schwiegervater und die Schwiegermutter – das Familienoberhaupt mit einer Weinflasche, einem Brieföffner, einem Plätteisen und einem großen Brotmesser, das unmittelbar vor der Tat gekauft worden war, gemeinsam, wenn auch nicht nach einem vorher festgelegten Plan, umgebracht. Dieses Verbrechen schrie laut nach Sühne.

Als nach wenigen Tagen schon ans Licht kam, daß der Getötete als hoffnungsloser Säufer, Rausch- giftsüchtiger, Spieler und Sadist seine Frau und seine Tochter Jahr um Jahr hindurch gequält und zur Verzweiflung getrieben hatte, schlug die öffentliche Meinung schnell um. Auf die unglücklichen Täter im Untersuchungsgefängnis von Gifhorn rollte eine Welle von Sympathie zu. Sie war auch noch nach anderthalb Jahren unter den Zuhörern deutlich spürbar, als im großen Schwurgerichtssaal von Hildesheim der Prozeß begann. Niemand im Gerichtssaal wunderte sich, daß schließlich der Oberstaatsanwalt, der die Anklage wegen Totschlags gegen die 42 jährige Frau Ruth Brennecke und wegen versuchten Totschlags gegen die 18jährige Tochter Doris vertrat, keinen Antrag auf Bestrafung stellte.

Außerhalb des Gerichtssaales freilich sind Stimmen laut geworden, die fragten: Hatte der Staatsanwalt ein Recht dazu? Durfte er einem Gericht, das schon halb auf dem Weg zum Freispruch war, die letzte Schranke wegnehmen und es völlig auf diesen Weg drängen? – – Nun, die medizinischen Sachverständigen – ein berühmter Psychiater, ein erfahrener Nervenarzt (der noch in der Hauptverhandlung radikal sein früher abgegebenes Gutachten umwarf) und eine junge Psychologin – hatten den Angeklagten den Schutz des § 51 StGB. (Bewußtseinsstörungen zur Zeit der Tat) und Notwehr, wenn auch modifiziert für die einzelnen Phasen im Ablauf der blutigen Tat, zugebilligt. Zudem war festgestellt worden, daß der Tod allein durch die Stiche mit dem Brotmesser eingetreten war, welche die (inzwischen verstorbene und ihrem irdischen Richter entzogene) Schwiegermutter dem Getöteten beigebracht hatte. Und schließlich wurden in der Hauptverhandlung die Aussagen der auf der Anklagebank sitzenden Frauen von allen Zeugen bestätigt, die sich auch nicht einen Augenblick lang durch die geschickten Fangfragen des Gerichtsvorsitzenden von ihren Bekundungen abbringen ließen. Der Oberstaatsanwalt brauchte sich nicht einmal auf den fälschlich immer den alten Römern zugeschriebenen (in Wahrheit aber erst im vorigen Jahrhundert "erfundenen") Rechtsgrundsatz des in dubio pro reo zurückzuziehen. Denn das Gesetz selbst verlangte zwingend seinen Antrag auf Freispruch. Sollte er, nur um sein Gesicht zu wahren und einen blassen Schimmer der Berechtigung der Anklage weiter glimmen zu lassen, gegen seine feste Überzeugung und sein besseres Wissen handeln?

Wir haben noch keine zuverlässige Methode gefunden, in die Seele eines Menschen zu leuchten. Aber alles deutet darauf hin, daß sich im vorigen Jahre in Wolfsburg eine seelische Massenexplosion ereignet hat und daß die Frau, die sie auslöste, dies weder vorausgesehen noch gewollt hat. Und so stand denn das Plädoyer des Anklägers unter dem Motto: "Nicht der Mörder – der Ermordete war schuld."

Wer wollte behaupten, daß hier ein bedenklicher Präzedenzfall geschaffen worden sei? Ein durch den Krieg zum Untier verwandelter Mann hatte seine Nächsten durch grausame Vergewaltigungen der Seele wie des Körpers an den Rand der Verzweiflung und des Verderbens getrieben. Vier gemarterte Menschen, die in der Hoffnung, alles werde sich noch einmal zum Guten wenden, bei ihm ausgeharrt hatten, waren seine Richter geworden in dem Augenblick, in dem die Sinne sie verließen und der berüchtigte "kleine Tropfen das Faß zum Überlaufen brachte".