Von Josef Müller-Marein

Warum, in düsteren Zeiten, denke ich an Web Miller? Ein es Tag es schenkte er mir sein Buch "I found no Peace", dessen Titel "Ich fand keinen Frieden" in der deutschen Übersetzung nicht völlig korrekt wiedergegeben war. "Ich sah keinen Frieden" hätte es heißen müssen. Denn Web Miller, der amerikanische Schriftsteller, der seine große Begabung in journalistischen Tagesberichten verschliß, war kein zersplitterter Mensch, der vergeblich sein eigenes seelisches Gleichgewicht herzustellen suchte; er war in Ordnung. Aber die "weltumspannende" amerikanische Zeitungskorrespondenz, deren Diener er war (wie jeder von uns der Diener seiner Berufsaufgabe ist, sei es selbst in bedeutsamer Position), hatte ihn, den Empfindsamen und Beeindruckbaren, mit Vorliebe stets in jene Ecken der Welt entsendet, wo "etwas los war".

Da schossen sie aufeinander, bewarfen einander mit Bomben und "regelten" gewaltsam ihre "nationalen Angelegenheiten". Weil Web empfindsam war und sich seiner Seele wehrte – nicht seiner Haut –, vermochte er es, das am besten zu beschreiben, was ihm am entsetzlichsten war. Wohin man ihn schickte: er sah keinen Frieden. Aber nachts, ehe er sich aufs fremde Lager legte und die Bettdecke über den Kopf zog, las Web Miller in einem Buche, das er überallhin mitführte. Es war ein Essay-Band des amerikanischen Philosophen Emerson und handelte vom friedlichen Leben, von der Natur, vom einfachen menschlichen Verwobensein in Weltbezüge, die wichtiger, noch wichtiger als der gefährliche Alltag sind und nicht von Politikern oder Generälen bestimmt werden, sondern vom lieben Gott. Es hätten die vier Evangelien sein können, aber es war Emerson: was macht es! Web Miller las und schlief friedlich ein; er war bei sich selbst zu Hause. Er fand den Frieden, aber er sah ihn nicht...

Die Welt hat an Bosheit und an Angst der Menschen voreinander zugenommen; auch sind einige Sensationen hinzugekommen, und es ist möglich, daß Web Miller, lebte er noch, den Auftrag erhalten hätte, nach Rußland zu reisen und alles zu beschreiben, was mit dem Start der Sputniks zusammenhängt; ja, es ist wahrscheinlich, daß er, der Liebenswürdige, sogar Aufnahme gefunden hätte im Lande hinter dem Vorhang. Und vermutlich wäre er, der Humanist, der eigentlich ein Lehrer werden sollte (denn das hatte er studiert), ins Innerste seines Herzens hinein erschrocken vor dem Knall und vorm Emporrauschen der Raketen, die in Bezirke vorstoßen – heute die russischen Geschosse, morgen die amerikanischen –, von denen die Menschen bisher glaubten, es seien überirdische Gebiete. Aber dann hätte er vorm Schlafengehen in seinem Buch gewesen und seinen kleinen, privaten Frieden gefunden. Was denn? Wenn nach dem Sämanns-Gedicht von C. F. Meyer kein Samenkorn, sei es auch unfruchtbar, aus. dieser Welt fällt, sondern jedes fällt, wie es Gott gefällt – warum sollen nicht die Sputniks kreisen in jener Bahn, von der wir seit unserer Schulzeit wissen, daß sich dort die Zentrifugal- und Erdanziehungskraft die Waage halten? Ausgerechnet daraus, daß zwei Sputniks im Dunst unseres Erdballs sausen, brauchen wir noch lange nicht (wie dies die Russen tun), auf die Überlegenheit der Wissenschaft über die Metaphysik zu schließen. Und wen die Angst vor den Sputniks packt, sollte sich verhalten, wie Web Miller sich verhielt: er sah den Frieden nicht und fand ihn doch – für seinen eigenen Teil.

Ein paar Tage noch, und wir feiern Weihnachten. Ja, wann wäre dies je ein Fest der Massen gewesen? Die Neonröhren gleißen vor den Schaufenstern; weiße, rote Lampen sind wie Perlenschnüre über die Geschäftsstraßen aller unserer Großstädte und mancher Kleinstädte gespannt. Wenn schon! Am Heiligen Abend sind wir mit den Unsrigen doch allein. Du zündest die Lichter an und bist einen Augenblick geniert. Du spürst in dir selbst die Frage: ‚Was gilt mir das Christentum noch? Mein Glaube? Was gilt der Christabend: Erholung von den Sputnikgedanken oder verdiente Pause in der Alltagsarbeit oder aber eine Stunde, in der wir den Frieden nicht sehen und ihn dennoch finden?‘

Lebte der registrierende und mitfühlende Web Miller noch – er würde feststellen, daß die junge Generation in Europa und zumal in Deutschland skeptisch ist, aber daß sie weit weniger von Angst und von Sorge um die eigene Sicherheit geplagt ist wie ihre Vätergeneration, die den Existentialismus und die große Angst erfand. Es ist, als ob diese Jungen wüßten, warum sie sich nicht so wichtig nehmen – denn manches Stück Angst ist ein Stück Wichtigtuerei.

Wer sie lehren könnte, was Weihnachten bedeutet, könnte von ihnen lernen, daß weder ein Sputnik noch Raketen, noch A- und H-Bomben eine Welt verändern, die so reich und so arm ist, daß sich Gott herabließ, Mensch zu werden, damit die Irdischen den Frieden fänden...